Die Schriftstellerin Annie Ernaux.
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Für den deutschsprachigen Raum muss sie wie eine junge Schriftstellerin wirken. Denn erst seit 2017 ihr Buch „Die Jahre“ in der Übersetzung durch Sonja Finck bei Suhrkamp erschien, wird Annie Ernaux von der deutschen Literaturkritik gefeiert, von den Buchhändlern empfohlen und von Tausenden Leserinnen und Lesern geliebt. Annie Ernaux wird am 1. September 80 Jahre alt.

Auch ihre Art zu schreiben lässt sie jung erscheinen, weil sie sich nicht um den logischen Ablauf einer Handlung schert, weil in ihren Büchern immer der Moment lebendig ist. Was nicht heißt, dass in ihrem Erzählen die Zeit stillstünde. Sie ergründet deren Vergehen nicht auf herkömmliche Weise. Sie geht von der Gegenwart aus, legt Fotos nebeneinander, liest Zeitungen im Archiv, zitiert Liedzeilen, notiert Worte, deren Bedeutung sich verändert hat. Dabei geht sie einmal sogar zurück zum Anfang des 20. Jahrhunderts, wenn sie in „Der Platz“ rekonstruiert, wie ihr Vater aufwuchs. Dessen Eltern waren Tagelöhner. Er schaffte einen gewaltigen Aufstieg, indem er einen Laden mit Gastwirtschaft errichtete.

Gravierender jedoch war der Sprung, den Annie Ernaux selbst wagte und schaffte: Sie hat als Erste aus ihrer Familie studiert und damit ihr soziales Milieu hinter sich gelassen. Dieser Wechsel der Klasse wurde von ihr so intensiv erlebt, dass er sich praktisch in jedem ihrer Bücher spiegelt, autobiografisches und soziologisches Erzählen verbindend. In „Eine Frau“ geht sie vom Tod der Mutter aus, einen Fehltritt in der eigenen Jugend ergründet sie in „Erinnerung eines Mädchens“.

„Mir ist es wichtig, die Worte wiederzufinden, mit denen ich damals über mich selbst und die Welt nachdachte“, schreibt sie in dem jetzt auf Deutsch erschienenen Buch „Die Scham“ (Suhrkamp, 110 Seiten, 18 Euro). Es beginnt mit einer radikalen Verstörung. Als Zwölfjährige hat das schreibende Ich miterlebt, wie der Vater die Mutter mit einem Beil bedrohte. Das Buch führt in das Jahr 1952, in eine Zeit, da Kinder noch verprügelt wurden, blickt auf die Eltern, die etwas Besseres für ihr Kind erhofften, als sie sich selbst zu schaffen in der Lage waren.

Es war vor allem der Erfolg von Didier Eribons „Rückkehr nach Reims“, 2016 auf Deutsch erschienen, der in der deutschsprachigen Öffentlichkeit die Aufmerksamkeit für Ernaux weckte. Eribon nennt Ernaux sein Vorbild. Bereits übersetzte Bücher von ihr wurden durch Sonja Finck noch einmal übertragen: Diese Übersetzerin trifft angemessen den nüchternen, dabei nicht kalten Ton, mit dem die Autorin Verletzungen, Traumata und Umwälzungen beschreibt. Annie Ernaux  bezeichnet sich als „Ethnologin ihrer selbst“. Indem sie sich erkundet, lässt sie uns genauer auf die Gesellschaft sehen. Sie ist eine große Schriftstellerin.