Berlin - Teatime mit Annie Lennox in einem kleinen Hotel im Londoner Stadtteil Notting Hill. Ihr Haar trägt die schottische Sängerin noch immer so kurz wie in den Achtzigern, als sie mit ihrem Partner Dave Stewart als Popduo Eurythmics die internationalen Charts eroberte. Vier Grammys, ein Oscar, ein Golden Globe und acht Brit Awards zeugen zudem von der beachtlichen Solokarriere. Am heutigen Freitag veröffentlicht die 59-Jährige ihr neues Album „Nostalgia“, auf dem sie Songs von Billie Holiday, George Gershwin, Screamin' Jay Hawkins und Duke Ellington interpretiert.

Ms. Lennox, mit Ihrem neuen Album stehen Sie in direkter Konkurrenz zu Lady Gaga und Tony Bennett, die ebenfalls gerade Platten mit Jazz-Coversongs herausgebracht haben.

Ich stehe in keinster Weise in Konkurrenz zu ihnen. Lady Gaga verkauft Millionen von Platten. Dagegen bin ich ein Nichts. Wie könnte ich da gegenhalten? Ich habe die Musik aufgenommen, die ich liebe, ich bringe sie heraus, ich spreche darüber, weil ich will, dass die Leute davon wissen – und alles andere liegt nicht in meiner Hand. Wenn ich denken würde, ich müsste mit anderen Leuten mithalten, dann würde ich verrückt. Aber es ist interessant, dass plötzlich eine ganze Reihe von Künstlern Songs aus der Vergangenheit covert.

Was bedeuten Ihnen die Songs, die Sie aufgenommen haben?

Für mich sind sie wie eine emotionale Reise. Ich wollte sie anders aufnehmen, mit einem Arrangeur, einem ganzen Orchester. Diese Songs haben so viel zu sagen auf so vielen Ebenen. Ich habe versucht, ihnen tiefste Emotionen einzuhauchen. Wenn man einen Song wie Billie Holidays „Strange Fruit“ von 1939 singt, der als Symbol für Lynchmorde in den Südstaaten der USA zu Zeiten der Bürgerrechtsbewegung gilt, dann hat der auch heute noch Gültigkeit. Denn geht es aktuell etwa weniger barbarisch zu als damals?

Also ist dieses Album auch als eine Art Aufruf einer Aktivistin?

Seit ich mich für HIV- und Aids-Erkrankte engagiere, habe ich vieles gesehen, was ich nicht abschütteln kann. Ich bin an Orte in der Welt gereist wie Malawi, Uganda oder Südafrika, wo Frauen und Kinder überhaupt keinen Zugang zu Verhütungsmitteln haben. Kaum dass sie 20 sind, müssen sie sich schon um fünf Kinder kümmern, und oftmals sterben sie während einer Geburt und die Kinder enden als Waisen. Ich sehe also all diese Dinge, die in unserer westlichen Welt überhaupt keine Rolle spielen. Das muss sich ändern. Das schoss mir gerade bei einem Song wie „Strange Fruit“ durch den Kopf. Ich sehe das Lied als ein Statement über Bigotterie und die schrecklichen Dinge, die Menschen einander antun.

Vor zwei Jahren haben Sie einen Gynäkologen aus Südafrika geheiratet. Sind Sie glücklich?

Ich sage nicht, dass ich nie wieder unglücklich sein werde, aber momentan bin ich an einem guten Platz und sehr dankbar dafür. Ich fühle mich wohler in meiner Haut. Vielleicht ist das ein Altersding. Und ja, mein Ehemann ist einfach nur fantastisch. Unsere Beziehung gibt mir so viel, dass ich es jetzt einfach mal zugeben kann: Ja, ich bin glücklich. Deshalb lebe ich aber nicht in einem Kokon oder auf rosa Wolken.

Dazu sind Sie zu sehr Realistin?

Ja. Aber trotzdem braucht jeder einen Grund, warum er morgens aus dem Bett steigt. Sonst kann das Leben schnell hart werden. Jeder von uns kann in jedem Moment tief fallen. Da hilft dir auch kein Geld der Welt.