Das war nun allerdings der sonderbarste Abend, den ich seit langem in einem Berliner Konzertsaal verbracht habe. Am Dienstag führte Antony Hegarty, der uns seit Anfang der Nullerjahre mit seinem Ensemble Antony and the Johnsons beglückte und sich als Solokünstler sowie nach seinem geschlechtlichen Identitätswechsel zur Frau nunmehr Anohni nennt, im Tempodrom sein neues Album „Hopelessness“ auf.

Darauf singt Anohni mit ihrer markanten melodramatischen, unentwegt zwischen Falsett und Sopran, „männlichen“ und „weiblichen“ Konnotationen wechselnden Stimme traurige und zornige Lieder über die aktuellen Krisen der Menschheit, über die Klimakatastrophe, das enttäuschende Scheitern von Barack Obama und die Opfer des US-amerikanischen Imperialismus.

Anders als die älteren Antony-Songs, sind die Anohni-Lieder nicht kammermusikalisch orchestriert, sondern werden von ausschließlich elektronisch erzeugten Klängen und Rhythmen begleitet. Was der Stammhörerschaft von Antony and the Johnsons offenkundig missfällt: Das Tempodrom ist an diesem Anohni-Abend jedenfalls nur zur Hälfte gefüllt.

An- und abschwellend

Es beginnt damit, dass eine Theaterglocke das Publikum in den Saal ruft, wo es dann allerdings eine halbe Stunde lang nur mit an- und abschwellendem Rauschen unterhalten wird; in der folgenden halben Stunde gibt es, bei gleichbleibendem Rauschen und halbheller Beleuchtung des halbleeren Saals, dann einen Film zu betrachten, in dem das bekannte Fotomodell Naomi Campbell in einem bunkerhaften Gebäude mit Betonwänden zu Neonbeleuchtung langsam tanzt.

Das ist einerseits auf Dauer recht langweilig, aber andererseits auch interessant, weil die Monotonie der Szene am Ende eine Art Trance erzeugt, mit der man in das folgende äshetische Ereignis hinübergeführt wird; ein Ereignis, das mit dem Begriff Konzert allerdings nicht wirklich zutreffend beschrieben ist.

Auf der linken Seite der Bühne steht Daniel Lopatin alias Oneohtrix Point Never, leicht gebückt und wippend, vor einem Laptop und ein paar anderen Geräten. Lopatin ist einer der beiden Produzenten von „Hopelessness“; der andere, Hudson Mohawke, lässt durch einen jungen Mann vertreten, der leicht gebückt und wippend auf der rechten Seite vor einem Laptop und ein paar anderen Geräten steht.

Anohni bewegt sich in der Mitte zwischen beiden Musikern auf einem Steg; sie trägt einen leichten Umhang mit Kapuze und kurzen Ärmeln, unter denen lange Handschuhe zu sehen sind; ihr Gesicht hat Anohni mit einer Art Gaze-Vorhang verdeckt; als sie später am Abend die weiße Kapuze abstreift, kommt darunter eine schwarze Kapuze zum Vorschein. Die matte Beleuchtung ihrer Figur trägt überdies dazu bei, dass von Anohni im Grunde nichts zu erkennen ist – das erinnert an ihr allererstes Berliner Konzert in der Volksbühne im Jahr 2005, als sie ihr Gesicht unter langen Haaren versteckte und an ihrem Klavier im Halbdunkel vom Publikum abgewandt spielte.

Subjektivitätsübertragung

Anders als damals, verschwindet Anohni diesmal allerdings nicht um des Verschwindens willen, sondern um die von ihr gesungenen Lieder in die Münder von anderen Frauen zu legen, deren Gesichter auf einer sehr großen Leinwand über der Bühne projiziert werden.

So wird das erste Lied des Konzerts, das Titelstück des Albums, von der New Yorker Künstlerin Johanna Constantine mimisch interpretiert; es folgen unter anderem die iranische Filmemacherin Shirin Neshat und die transsexuelle Mathematikerin Julia Yasuda, die man schon aus den ersten Antony-and-the-Johnsons-Besetzungen der Neunzigerjahre kennt.

Während von Anohni also im Grunde nichts zu sehen ist und die Musik im wesentlichen klingt wie auf dem Studioalbum, liegt der gesamte ästhetische Reiz der Performance in den Videobildern und ihrer Spannung mit der Musik. Man schaut in Gesichter, die oft zornig sind und manchmal weinen und die Lippen zum Gesang von Anohni bewegen.

Die Idee dieser Subjektivitätsübertragung ist nicht reizlos: Sehr gut funktioniert sie in dem im Frühjahr veröffentlichten Video zu dem Stück „Drone Bomb Me“, in dem Anohni aus der Perspektive eines afghanischen Mädchens singt, dessen Familie bei einem US-Drohnenangriff ums Leben kam; dieser Klagegesang wiederum wird in den Mund von Naomi Campbell gelegt, die sich dazu künstliche Tränen aus dem Luxusgesicht drückt.

Das Lied und das Video werden zum Abschluss des Abends geboten. Es ist dies allerdings auch die einzige Stelle, an der Bild und Musik in eine derartige dialektische Spannung treten. Ansonsten bleibt es bei der schlichten, inhaltlich nicht weiter aufgeladenen Verkörperung eines Menschen durch jeweils einen anderen Menschen: Das ist auf Dauer zu variationsarm und undialektisch, um mehr abzugeben als bloß eine etwas höher geschraubte Ästhetik der Betroffenheit.