Schmucksaal des Grünen Gewölbes. In Dresdens Schatzkammer ist eingebrochen worden. Der Einbruch betrifft den historischen Teil der wertvollen Sammlung.
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DresdenWas genau am frühen Montagmorgen aus dem Dresdner Grünen Gewölbe gestohlen wurde, wusste man bei der Pressekonferenz der Ermittler – angeblich – noch nicht. Also lässt sich auch nichts über die Höhe des finanziellen Verlusts sagen. Betroffen ist eine Vitrine im Juwelenzimmer.

Erste Pressemeldungen, in denen von einem Schaden in Milliardenhöhe berichtet wurde, sind Unsinn. Der Wert der betroffenen Juwelen-Garnituren liegt weniger im Material als vielmehr darin, dass komplette Ensembles aus dem 18. Jahrhundert extrem selten sind. Im Grünen Gewölbe sind zehn davon mit bis zu 37 Einzelstücken erhalten. Der Wert auch eines einzelnen Ensembles ist nicht bezifferbar. Es gibt keinen Ort auf der Welt, in dem solche Kollektionen in dieser Menge erhalten sind.

Zu verkaufen sind diese Ensembles nicht, aber dass man sie zerschlagen könnte und einzelne Steine davon, umgeschliffen, verkaufen könnte, davon ist auszugehen.

Roland Wöller (CDU): „Anschlag auf die kulturelle Identität aller Sachsen“

Ein unersetzbarer Verlust? Ja. Aber wer von uns hat sich je dafür interessiert, welchen Manschettenknopf August der Starke, zu welchem Fingerring trug? Wer von uns interessiert sich für die Veränderungen in der Kunst der Diamantenschleiferei in den vergangenen dreihundert Jahren? Wer kann uns gar die Augen öffnen für die Schönheit der alten im Gegensatz zur neuen Technik?

Wir hängen unser Herz gerne an Dinge, an denen wir kein Interesse haben. „Land der Dichter und Denker“ hörten frühere Generationen sehr gerne, ohne diese Dichter und Denker auch nur zu lesen. Exportweltmeister ist man gerne, egal, ob das vernünftig ist oder nicht, ja, egal, ob es einem schadet oder nicht.

Sachsens Innenminister Roland Wöller (CDU) sieht in dem Diebstahl einen „Anschlag auf die kulturelle Identität aller Sachsen“. 1985 und 1987 lief im DDR-Fernsehen der Sechsteiler „Sachsens Glanz und Preußens Gloria“. Seitdem war immer wieder von der sächsischen Identität die Rede. Das Grüne Gewölbe spielte darin nie eine Rolle. Zu Recht. Schließlich war es erbaut worden als eine Demonstration fürstlichen Reichtums, fürstlicher Macht.

Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU) erklärte am Montag: „Die Werte, die im Grünen Gewölbe und im Residenzschloss zu finden sind, sind von den Menschen im Freistaat Sachsen über viele Jahrhunderte hart erarbeitet worden. Man kann die Geschichte unseres Landes, unseres Freistaates nicht verstehen ohne das Grüne Gewölbe und die Staatlichen Kunstsammlungen Sachsens.“ Ganz sicher haben die Sachsen weniger hart an diesen Gegenständen gearbeitet, als sie vielmehr geschröpft wurden, damit die Majestäten sie erwerben konnten.

Die allgemeine Verunsicherung

Das gehört auch zur Wahrheit des Grünen Gewölbes: Hier zeigte der Herrscher, was er sich alles leisten konnte. Es ist ein Dokument rundum geglückter – verwenden wir das alte Wort – Ausbeutung. Deren Opfer zu sein, gehört ganz sicher zur sächsischen Identität. Wie zu der der meisten Völker der Welt.

Am Montagmorgen wurde eingebrochen ins Juwelenzimmer des Grünen Gewölbes. Es wurden Brillanten und Diamanten gestohlen. Nicht die Dresdner, nicht die sächsische Identität.

Es wurde uns freilich auch vorgeführt, wie leicht es war, etwas von diesen unersetzbaren Schätzen zu stehlen. Wie wenig wir achten auf das, von dem wir jetzt behaupten, es läge uns so nahe am Herzen.

Man sagt, wie wichtig einem etwas sei, entdecke man erst, wenn man es verloren habe. Vielleicht stimmt das. Aber sicher stimmt auch: So wie man uns etwas wegnimmt, steigt es bei uns im Wert. Wir sind empört: Man hat uns nichts wegzunehmen. Wir fühlen uns angegriffen. Wir spüren unsere Verletzbarkeit. Wenn die Schätze im Grünen Gewölbe nicht sicher sind, wer von uns kann es denn dann sein?

In ein paar Tagen wird man den Schaden beziffern können und damit auch relativieren. Die allgemeine Verunsicherung wird bleiben, aber sie wird das Grüne Gewölbe links liegen lassen und sich ein neues Objekt suchen.