Nein, das möchte man nicht: Von einem kräftigen Mann nach allen Regeln der Kunst vermöbelt werden, wobei dieser Mann, erstens, in Sekundenschnelle hin- und herwechselt zwischen Normal- und Ameisengröße, sodass sich einem, zweitens, kaum die Möglichkeit zur gezielten Gegenwehr bietet, vor allem aber, drittens, der normal große Mann zwar in gewohnt harter Weise zuschlägt, aber im Ameisenformat mit eben dieser Härte und viel kleineren Fäusten – also mit einer vergleichsweise viel größeren Kraft pro Aufschlagfläche seinen Gegenüber trifft. Und als wäre diese seine relative Superkraft nicht schon schlimm genug, helfen dem Ameisenmann bei seiner Attacke auch noch eine Reihe echter Ameisen: eine beißende, giftende und allerlei nützliches, da zerstörerisches Explosionsgedöns tragende Krabbler-Armee.

Kurzum, unser Ameisenmann ist eine hypergefährliche Waffe. Und damit auch bestens geeignet, die Hauptrolle in einem prügelreichen, zerstörungssatten und superheldenhaften Weltrettungsfilm zu spielen, der uns auch noch mit entomologisch aufschlussreichen, da liebevoll bis ins letzte Detail gestalteten Krabbler-Einlagen erfreut. Denn auf die Ameisen käme es doch an: Wer als Ameisenmann das Glück hätte, ihnen auf Augenhöhe zu begegnen, würde sie – die enorm fleißig und angstfrei, aber bei näherer Betrachtung auch anrührend zärtlich und hilfsbereit bis zur Selbstaufgabe sind – schnell in sein Herz schließen. Tolle Kerlchen, denen der Regisseur Peyton Reed nur angemessen Platz einräumen müsste, damit sein „Ant-Man“ uns in einen faszinierenden Mikro-Kosmos krabbelnder Superviecher einführte.

So schön und einfach ist Reeds Superhelden-Film „Ant-Man“ dann leider nicht. Komplikationen treten auf. Und das hängt damit zusammen, dass unser Ameisenmann aus den unendlichen Weiten des Marvel-Universums stammt. Wie alle Marvel-Filmfiguren hatte er ein früheres Leben im Comic. Dort erblickte Ant-Man als Geschöpf des Künstlertrios Jack Kirby, Larry Lieber und Stan Lee im Jahr 1962 das Licht der Welt, und zwar in der Heftserie „Tales to Astonish“ – Geschichten zum Staunen. Ein Jahr darauf tauchte er in der Serie „Avengers“ als Gründungsmitglied einer Superheldentruppe auf, zu der unter anderem Iron Man, Thor und Hulk gehörten, etwas später auch Captain America. In diesem Avengers-Komplex, der uns mittlerweile aus mehreren Filmen bekannt ist, steht auch Reeds „Ant-Man“ – und ist den Zwängen des Marvel-Universums unterworfen.

Im Land der Riesen

Dreh- und Angelpunkt des Avenger-Komplexes ist die Geheimorganisation S.H.I.E.L.D., ein zu Weltrettungszwecken geschaffener Überwachungs- und Vernichtungsapparat, eine aparte Mischung aus Uno, NSA, CIA – mithin eine Menschheitsbedrohung, die nur von Superhelden in Schach gehalten werden kann. Auch bei „Ant-Man“ verläuft die Handlung nach diesem Muster: Der S.H.I.E.L.D.-Agent, Entomologe und Physiker Hank Pym (Michael Douglas) hatte einst einen Ganzkörperanzug erfunden, der seinen Träger zum Ameisenmann macht. Irgendwann gründete er eine eigene High-Tech-Firma, in der sich allerdings auch der finstere Darren Cross (Corey Stoll) herumtrieb und nur darauf wartete, den Ameisenanzug an gutzahlende Unholde mit Weltzerstörungsabsichten zu verhökern. Pym verließ daraufhin seine Firma und nahm seine Erfindung mit.

Seither versucht Cross, das Teil nachzubauen. Als er diesem Ziel gefährlich nahe kommt, wendet sich der verzweifelte Pym an den Meisterdieb Scott Lang (Paul Rudd) und bildet ihn mithilfe seiner hübschen, klugen und vor allem schlagkräftigen Tochter Hope (Evangeline Lilly) zum Ant-Man aus – der Auftrag ist klar, er soll Cross den nachgebauten Ameisenanzug wegnehmen. Doch bevor es dazu kommt, dürfen wir den schönsten Teil des Films genießen, denn Lang muss ja erst einmal lernen, mit den Ameisen, seinen natürlichen Verbündeten, zu sprechen, und sich in ihre Gesellschaft begeben. So wird es nicht nur hübsch krabbelig, sondern kommen weitere Schauwerte hinzu, weil für den kleinen Ameisenmann die bisher vertraute Umgebung auf einmal ins Gigantische wächst – als wäre er wie Gulliver im Land der Riesen gelandet.

Dann passiert das Unvermeidliche: Lang alias Ant-Man muss gegen Cross antreten, der sich als Ameisenzwerg jetzt Yellowjacket nennt. Das führt zum üblichen Gerenne und Gehaue und Geschieße und Gebombe. Immerhin lernen wir, dass die fliegenden Ameisen, auf denen Ant-Man ins Gefecht reitet, wie Kampfhubschrauber klingen. Toll. Außerdem dürfen wir uns an Michael Douglas in der Rolle als herzensguter Wissenschaftler Hank Pym erfreuen. „Ant-Man“ bietet uns also – wie zuletzt der Film „The Return of the First Avenger“ (2014) mit Robert Redford – einen altgedienten Hollywood-Granden. Auch toll. Ansonsten hat der Regisseur Reed seine Pflicht erfüllt – nämlich den Ameisenmann als letzte zentrale Figur im Avengers-Komplex einzuführen. Wir dürfen auf die nächsten Avengers-Filme gespannt sein: Wehe, in denen kommen keine Ameisen vor!