"Antigone" im Dresdner Theater: Schlimm ist es, sehr schlimm

Dresden - Dresden, Staatsschauspiel: Die Götter stören. Von den Abgründen über uns wollen wir Heutige ja nichts mehr wissen, aber die Abstürze unter uns! Alles wie ehedem. Willkür, Tyrannei und Menschenmissachtung: Gibt’s alles noch. Insofern gibt es auch beste Gründe, Sophokles’ Tragödie „Antigone“ zu spielen: Als Sophokles sich vor gut 2500 Jahren hinsetzte und sein Stück schrieb, war die Demokratie seiner Zeit so schwer krisenbefallen wie es die unsrige ist.

Das erzählt uns die Inszenierung der „Antigone“ von Sebastian Baumgarten. Dieser Zeitsprung ist zwar grobschlächtig wie alle historische Komparatistik, aber die Zeiten sind nicht dazu beschaffen, auf Feinheiten zu achten: Ungeheuerlich war’s damals, ungeheuerlich ist’s heute. „Antigone“ in Dresden: eine Superparabel auf unsere Zeiten, in denen das „Supergrundrecht“ Sicherheit die Demokratie aushöhlt. Es ist auch ein pathospraller Abend, der im Zuschauer den Empörungswillen aufstacheln will.

Zeichensalat mit ideologiekritischem Dressing

Deshalb ist König Kreon bei Torsten Ranft ein großer kleiner Diktator, der um des schieren Machterhalts willen Gesetze erlässt (das Beerdigungsverbot für Polyneikes), auf einem Riesenthron hockt, mordet und mault und alles als Gefahr betrachtet, was seinem Ego-Staatstum in die Quere kommt. Deshalb auch ist Lea Ruckpauls Antigone nicht nur eine Privatwutbürgerin, die für ihr Recht (den Polyneikes zu begraben) streitet, sondern eine Totaloppositionelle wider das diktatorische Kreon-Reich.

Und deshalb sind beide aufeinander angewiesen: Die Staatsfeindin Antigone liefert Kreon die Gründe für sein Herrschaftsgebaren, Kreon wiederum ist für Antigone der beste Beleg, dass in diesem Staate einzig die Revolte helfen kann. Und im Untergrund: brodelnde, unverdaute Geschichte. Chöre im Eingeborenen-Look, Sowjet-Uniformen, Märchen- und Alptraumfiguren, Nebel, Live-Musik und zum Abschluss erst eine Passage aus Heiner Müllers „Wolokolamsker Chaussee IV“, hernach ein Dresdner Anwalt, der uns belehrt, dass heutigentags die Grundrechte allerhöchst bedroht, wenn nicht ausgehebelt sind.

Das ergibt den für Baumgarten typischen Zeichensalat mit scharfem ideologiekritischem Dressing. Macht einerseits hübsch irritierende Bilder, befeuert andererseits eine Kurzschlussdramaturgie, die man lieber nicht genauer befragen sollte − Ismene tritt erst als lebensgroße, afrikanische Puppe, danach im rosa Negligé auf? Ist sowohl die afrikanisch Ausgebeutete als auch die europäisch Angepasste? Was sollen derlei Billigzuschreibungen? Sie sollen wahrscheinlich zeigen, wie schlimm es um uns bestellt ist: sehr schlimm.