Nichts weniger als „die Frage aller Fragen“ an die deutsche Geschichte will Götz Aly mit seinem neuen Buch beantworten: Warum ermordeten Deutsche sechs Millionen Menschen, bloß weil sie Juden waren? Für die Antwort reichen Aly dreihundert Seiten und ein Blick auf die Geschichte vom Zerfall des Alten Reichs, 1806, bis zum Ende der Weimarer Republik. Sein Befund: Der Neid der Deutschen auf die Juden als Modernisierungsgewinner nährte die tödliche Utopie der nationalsozialistischen „Volksgemeinschaft“. Die These von der Geburt des Holocausts aus dem Geiste des Neids ist jedoch ebenso plakativ wie kurzatmig.

In den meisten deutschen Ländern wurde die Emanzipation der Juden im 19. Jahrhundert nicht vom Volk erstritten, sondern zögerlich von oben dekretiert. Die Juden von ihren beruflichen und rechtlichen Fesseln zu befreien, stieß von Anfang an auf Widerstand. Besonders unter den rabiaten Streitern für Deutschlands Einheit und Freiheit lehnten viele die Gleichstellung der Juden ab. Dazu gehörten der militante Dichter Ernst Moritz Arndt, der Turnvater Ludwig Jahn und der Hochschullehrer August Heinrich Hoffmann von Fallersleben. Aly zitiert ihre antisemitischen Tiraden, um zu belegen, dass auch unter den schwarz-rot-goldenen Ahnherren Judenfeinde waren. Doch wen mag das überraschen? Die Vorstellung, die deutsche Geschichte ließe sich in gute, fortschrittliche und böse, reaktionäre Traditionen spalten, pflegen allenfalls noch ultraorthodoxe Marxisten.
Modernisierungsängste

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