Das Thema ist relevant und aktuell. Es wurden aufwendige Recherchen in mehreren Ländern betrieben, viele Interviews geführt. Der Film wurde geschnitten und von Experten für gut befunden.

Doch die mit über 166.000 Euro Gebührengeldern produzierte Reportage über den Antisemitismus wird nicht ausgestrahlt.

Der Fall, den Götz Aly in seiner Kolumne in dieser Zeitung am Dienstag öffentlich gemacht hatte, zeigt nicht nur, wie schwierig der Umgang mit dem Thema ist, sondern auch, in welch komplizierten Abstimmungsprozeduren und Etatproblemen sich Produzenten und öffentlich-rechtliche Sender mitunter verfangen.

Erfahrene Produktionsfirma

Die Münchener Filmfirma Preview Production ist nicht neu im Geschäft, sondern schon häufig dem Antisemitismus in Europa nachgegangen. So lief im Oktober 2013 eine ARD-Story zu diesem Thema. Zuvor hatte die ARD-Satirereihe „Entweder Broder“ mit dem streitlustigen Publizisten Henryk Broder für Aufmerksamkeit gesorgt, sie wurde kontrovers aufgenommen und mit einem Bayrischen Fernsehpreis bedacht.

In ihren Dokumentationen über den Antisemitismus arbeitete Preview Pictures bisher immer mit einem Ko-Autor mit muslimischem Hintergrund zusammen – bei „Entweder Broder“ war es Hamed Abdel-Samad, bei der ARD-Story Achmad Mansour. Letzterer sollte auch als Ko-Autor der Arte-Doku fungieren.

Doch zu den Dreharbeiten war Mansour aus familiären Gründen verhindert, was vom WDR, dem ARD-Partner für das Arte-Projekt, akzeptiert wurde.

Dreharbeiten in Frankreich, Deutschland, im Gaza-Streifen und in Israel

Joachim Schroeder, Produzent und Autor der Reportage, suchte dann nicht nach dem Antisemitismus in ganz Europa, wie der Auftrag lautete, sondern drehte hauptsächlich in Frankreich, Deutschland, dazu im Gaza-Streifen und in Israel, was ursprünglich nicht vorgesehen war.

Für ihn eine logische Konzentration: „Der moderne Antisemitismus kommt meist als Antizionismus daher. Ohne die Dreharbeiten in Gaza und Israel wären die Auseinandersetzung zu akademisch geblieben.“

Schon früh spürte Schroeder Vorbehalte vor allem französischer Arte-Verantwortlicher, ließ deshalb seine fertige Doku von sechs Experten, darunter der Historiker Götz Aly, begutachten. Doch deren positives Votum änderte nichts an der Ablehnung des Films durch die Arte-Programmkonferenz, in der deutsche wie französische Vertreter sitzen.

Nicht das Vereinbarte Projekt umgesetzt

Begründung: Der Film entspreche nicht dem vereinbarten Projekt eines „Panoramas des Antisemitismus in Europa“. Die Mitwirkung von Achmad Mansour als Ko-Autor sei ausschlaggebend für die Genehmigung gewesen, ohne ihn fehle die nötige Ausgewogenheit.

Produzent Joachim Schroeder kritisiert, dass es nie eine inhaltliche Auseinandersetzung, nie ein Gespräch mit ihm gegeben habe. Er hält die Begründungen für vorgeschoben, glaubt, dass die französischen Arte-Redakteure eine Auseinandersetzung mit dem Thema scheuen würden.

Dass Arte dem Umgang mit Muslimen aus dem Weg gehe, lässt sich indes nicht belegen. Erst vor knapp einem Monat lief hier der Zweiteiler „Europas Muslime“ von Nazan Gökdemir und Hamed Abdel-Samad.

Die Führung des WDR, deren Arte-Redaktion den Film betreut und auch freigegeben hatte, teilt inzwischen den Standpunkt von Arte. „Der Auftrag der Programmkonferenz wurde definitiv nicht erfüllt“, heißt es in der Stellungnahme.

Wer hat den Film wie finanziert?

Nun könnte ja der Gebühren zahlende Zuschauer auf den Gedanken kommen, dass ein Film, der zwar nicht exakt das zeigt, was er zeigen sollte, der aber trotzdem anregend ist, einen Programmplatz im öffentlich-rechtlichen Fernsehen finden könne. Doch der Sender verweist auf die „getrennten finanziellen und programmlichen Kreisläufe“ zwischen Arte und dem WDR.

Der Film sei eine Auftragsproduktion für Arte gewesen, finanziert aus Geldern, die dem WDR explizit für die Erstellung von Arte-Programm bereitgestellt wurden. Deshalb könne er gar nicht im WDR erstausgestrahlt werden. Joachim Schroeder hält dagegen, dass der Sender, der die Rechte am Film besitze, das sehr wohl könnte: „Schon aus Kostengründen müsste er ihn zeigen.“

Der Produzent hat schon einen weiteren Film in Arbeit. Unter dem Arbeitstitel „Leon und Henryk – der ewige Antisemit“ dreht er eine Dokumentation mit Leon de Winter und Henryk Broder – diesmal aber für den Bayrischen Rundfunk.