Meron Mendel hat den Antisemitismusvorwürfen gegen das Kuratorenkollektiv der Documenta fifteen, ruangrupa, im Vorfeld der Eröffnung widersprochen. Nun ist der Historiker und Direktor der Bildungsstätte Anne Frank enttäuscht davon, dass im Zentrum der Ausstellung ein Kunstwerk zu sehen war, das in seinen Augen teilweise antisemitische Hetze beinhaltet – und auch von der Reaktion der Documenta selbst. Mendel über die Vorfälle rund um die Documenta fifteen und darüber, was in der deutschen Debatte über Antisemitismus falsch läuft.

Was haben Sie gedacht, als Sie die antisemitischen Bildausschnitte des Banners im Zentrum der Documenta gesehen haben, Herr Mendel?

Ich war sehr überrascht, dass den Kuratoren der Documenta diese Teile des Banners nicht aufgefallen sind. Gerade vor dem Hintergrund der seit Januar laufenden Antisemitismusdebatte rund um die Documenta ist das für mich unverständlich. Es wurde mehrfach beteuert, dass es keinerlei antisemitische Darstellungen zu sehen geben wird.

Es geht hier um zwei verschiedene Darstellungen in einem Kunstwerk. Welches der beiden Bildelemente finden Sie problematischer, und warum?

Es sind beide im Zusammenspiel. Sie zeigen, wie durchdacht die Künstler hier versucht haben, Juden zu diffamieren. Die Darstellung von Juden als Nazis: Das ist ein antisemitischer Klassiker. Normalerweise findet sich das eher im Zusammenhang mit Israelhass, aber hier ist nicht einmal das der Fall. Hier ist es einfach ein orthodoxer Jude ohne erkenntliche Verbindung zu Israel, der mit SS-Runen dargestellt wird. Juden an sich werden mit Nazis gleichgesetzt. Diese Täter-Opfer-Umkehr ist typisch, man könnte sagen ein europäisches Antisemitismus-Exportgut, das die Künstler aufgegriffen haben. Zusätzlich wird durch den Schweinerüssel an der Figur mit Davidstern deutlich, dass Juden hier schlicht beleidigt werden sollen. Das Schwein ist im Judentum das Symbol für Unreinheit schlechthin. Die Künstler haben hier bewusst mehrschichtige antisemitische Narrative auf die Leinwand gebracht, daran kann es keinen Zweifel geben.

Das Kunstwerk wurde nun abgedeckt. Wie bewerten Sie, dass eine Reaktion der Kuratoren bisher ausblieb?

Ich bin enttäuscht, dass es von ruangrupa kein Statement zu dem Skandal gab. Man hat sich offenbar nicht veranlasst gesehen, ein einziges Wort dazu zu verlieren. Das Kuratorenteam verantwortet ein mit 43 Millionen aus öffentlichen Mitteln gefördertes Projekt. Dass man sich nun nicht äußert, ist für mich der zweite Skandal nach den Bildelementen an sich.

Was sagen Sie zu der Rechtfertigung der Documenta?

Das Statement an sich ist im Prinzip auch ein Skandal. Der Antisemitismus wird auf eine Empfindung der Betrachter reduziert und nicht im Banner selbst verortet. Eine objektive antisemitische Darstellung wird nicht eingeräumt. Man versucht, die Bildelemente damit zu rechtfertigen, dass das Kunstwerk nicht für die Documenta angefertigt wurde und zum ersten Mal im europäischen Kontext zu sehen sei. Damit will man sagen, das Problem ist der Ort und die Betrachter, nicht die Darstellung eines Juden mit SS-Runen auf dem Hut.

Wolfgang Krumm/dpa
Meron Mendel

Der deutsch-israelische Historiker und Professor für soziale Arbeit wurde in Tel Aviv geboren und studierte bis 2000 in Haifa Geschichte und Erziehungswissenschaften. 2001 setzte er sein Studium in München fort und promovierte 2010 in Frankfurt am Main. Seitdem ist er Direktor der Bildungsstätte Anne Frank. Seit 2021 ist Mendel Professor für transnationale soziale Arbeit an der Frankfurt University of Applied Sciences.

Auch die Künstler haben sich geäußert und ihr Bedauern bekundet, dass das Bild falsch verstanden wurde.

Das Künstlerkollektiv Taring Padi selbst versucht, die antisemitischen Bildelemente mit einer Situation in Indonesien zu erklären. Einem Land mit fast 300 Millionen Einwohnern, in dem ungefähr 200 Juden leben. Das ist nicht nachvollziehbar. Im Grunde wird gesagt: Das, was wir auf dem Bild sehen, ist nur in Europa Antisemitismus, nicht aber im globalen Süden. Das macht mich insofern besonders traurig, weil ich mich immer gegen die in Deutschland weit verbreitete Annahme gewehrt habe, dass praktisch der halbe globale Süden aus Antisemiten besteht. Das Statement unterstützt diese falsche Annahme nun weiter.

Wie war Ihr Standpunkt zu den Antisemitismusvorwürfen gegen ruangrupa im Vorfeld der Eröffnung?

Ich habe dem Antisemitismus-Generalverdacht widersprochen, der dem Kuratorenkollektiv und palästinensischen Künstlern, die eingeladen wurden, entgegengebracht wurde. Die Masse der Vorwürfe und deren Ursprung – sogenannte Antideutsche, die zuvor vor allem durch antimuslimischen Rassismus aufgefallen sind –, haben für mich gezeigt, dass es hier nicht in erster Linie darum ging, echten Antisemitismus anzuprangern. Wir dürfen Leute aus muslimischen Ländern nicht leichtfertig mit solchen Vorwürfen überziehen. Da werde ich nie mitmachen. Genauso wenig toleriere ich aber auch eine derartige Grenzüberschreitung, wie sie auf dem Banner zu sehen ist.

Heißt das, Ihre Meinung zu den Vorwürfen vor der Enthüllung des Banners hat sich nicht geändert?

Nein. Ich bleibe bei meiner Position, dass ein Großteil und vielleicht alle Antisemitismusvorwürfe im Vorfeld unberechtigt waren. Wenngleich ich mich von den Kuratoren ein Stück weit verraten fühle und mich frage, wie Zusammenarbeit gegen Antisemitismus und antimuslimischen Rassismus in Zukunft aussehen soll, wenn man feststellen muss, dass selbst so offensichtliche Diffamierung von Juden im Ernstfall unkommentiert bleibt und relativiert wird.

Was sagt für Sie die ganze Debatte um die Documenta über den Antisemitismusdiskurs in Deutschland aus?

Die Kritik vor der Eröffnung der Documenta zeigt eine Tendenz, die sich in die deutsche Debatte um Antisemitismus eingeschlichen hat und die ich für problematisch halte: vehemente Kritik an Israel mit Antisemitismus gleichzusetzen. In extremen Fällen kann das schon der Fall sein – aber vor allem bei einseitiger Kritik von Menschen aus Palästina, die teilweise unter Besatzung leben, bin ich hier sehr vorsichtig. Dass Menschen, die beispielsweise die Verhältnisse in Gaza am eigenen Leib erleben, Israel hassen, ist für mich nachvollziehbar. Die echte Grenzüberschreitung findet doch statt, wenn sich der Hass gegen Juden selbst richtet und nicht mehr gegen einen Staat. Genau das ist hier aber passiert. Und die fehlende Reaktion von ruangrupa und das relativierende Statement der Documenta legen wiederum frei, dass offene Diffamierung von Juden für viele Menschen noch immer normal und in Ordnung zu sein scheint. Hier zusammenzufinden und gemeinsam gegen Antisemitismus und Rassismus einzustehen, wird jetzt zumindest nicht einfacher.