Dass sich der Nahostkonflikt im Frühjahr 2021 auch auf den Straßen Berlins und anderswo in Deutschland niederschlug, gibt dieser Schrift aus der „Schalom Aleikum“-Buchreihe neue Relevanz: „Goodbye Hate!“ Die zehn Autorinnen und Autoren setzen sich im Bildungsbereich gegen Antisemitismus ein und berichten von ihren Erfahrungen, einige engagieren sich in Berlin. Viele sind gar keine Pädagogen, sondern Juden, die sich auf der Grundlage ihrer persönlichen Geschichte und den von ihnen erlittenen Diskriminierungserfahrungen gegen Antisemitismus engagieren.

Antisemitismus in der Schule: Ein Vortrag ist nicht immer die beste Reaktion

Der Berliner Songwriter Jonathan Kalmanovich etwa, selbst Jude, spricht in Schulen über den Antisemitismus in der Deutsch-Rap-Szene. Und er dringt damit offenbar durch, denn er war lange in der Rap-Szene aktiv, ist auf Videos mit Rap-Stars zu sehen. Er kommt nicht mit einer Powerpoint-Präsentation, sondern erzählt von persönlichen Erfahrungen. Die meisten Kids seien neugierig, weil sie noch nie jemandem begegnet sind, der jüdisch ist. „Dann kommt so einer wie ich an die Schule, und sie stellen fest, der hat ja gar keine Hakennase oder irgendwelche Hörner, wie manche von ihnen das vielleicht irgendwo gehört haben. Er ist ein normaler Jude, der auch mein Nachbar sein könnte.“

Auch der Pädagoge Dervis Hizarci, Vorstandsvorsitzender der Kreuzberger Initiative gegen Antisemitismus und Programmdirektor der Alfred Landecker Stiftung in Berlin, engagiert sich in Schulen. Er kennt die Sprüche, die dort fallen. „Guck mal, er läuft wie ein Jude!“ oder „Sei mal kein Jude!“ Das  Wort „Jude“ werde mal komplett zusammenhanglos, als Beleidigung oder Ausschlusskriterium verwendet, schreibt er. Wenn ein Jugendlicher auf dem Pausenhof einen antisemitischen Spruch äußert, solle die Reaktion nicht automatisch ein Vortrag sein oder eine Auseinandersetzung mit deutscher Geschichte. „Ganz zu schweigen davon, gar nichts zu unternehmen – bis heute die häufigste Reaktion.“

Irritation könnte ein Weg sein, sagt Hizarci und nennt ein Beispiel, das mit Provokation arbeitet. „Du Moslem, kannst du bitte das Fenster öffnen? Du Moslem, höre auf mit deiner Nachbarin zu reden. Du Moslem, erst melden und dann warten, bis man drankommt.“ Er warnt, dass so etwas nur funktioniert, wenn Lehrkraft und Schüler einen Bezug zueinander haben. Sein Beispiel macht einem klar, wie schwer eine angemessene Reaktion ist.

Die Autorin und Designerin Fanny Huth hat das ehrenamtliche Social-Media-Projekt „Jüdisch & Deutsch“ gestartet. Jede Woche interviewt sie eine jüdisch-deutsche Person, um zum einen die Vielfalt der jüdischen Community in Deutschland zu zeigen, aber einfach auch um auf ihre Existenz aufmerksam zu machen. Sie erklärt jüdische Feiertage, jüdische Kultur und Geschichte sowie erzählt von jüdisch-deutschen Menschen der Zeitgeschichte.

Der 1981 in Israel geborene Yonatan David Weizman ist seit 2018 Projektleiter bei „Shalom Rollberg“ in Neukölln, auch hier geht es darum, Kontakt zwischen Juden und Nicht-Juden zu schaffen. „ Es ist das philosophische Fundament unserer Arbeit: Wenn man sich gegenseitig kennt, dann hasst man sich nicht.“

„Er ist Israeli, aber er ist in Ordnung“

Es ist ein attraktives Angebot, das sie bei Shalom Rollberg machen: Hausaufgabenhilfe und andere Bildungsangebote wie Kung Fu oder Modedesign, die Tutoren sind jüdische Freiwillige. „Niemand kommt zu uns, um Jüdinnen und Juden zu treffen.“ Viele der Freiwilligen aber hätten den Wunsch, Muslime zu treffen. Das Abbauen von antisemitischen Ressentiments, so beschreibt es Weizman, geschehe nebenbei als Resultat von den Begegnungen. Er erzählt von einem 16-jährigen Mädchen, dessen Familie aus dem Libanon nach Deutschland kam und das sich selbst als „große Hisbollah-Unterstützerin“ beschrieb. Regelmäßig sei sie zu seinem Englischunterricht gekommen, habe schließlich Fragen gestellt, über ihn, seine Religion und die Nahostpolitik. „Nie werde ich vergessen, wie sie im Unterricht eine Gleichaltrige mit den Worten zum Schweigen brachte: ‚Leise! Er ist Israeli, aber er ist in Ordnung.‘“

All diese Beispiele machen einem klar, dass der Weg des Dialogs Geduld erfordert und dass das große Ziel – eine deutsche Gesellschaft ohne Antisemitismus – nicht in Reichweite liegt. Und dass für die Juden, die hier schreiben, ihr Engagement eine Art der Selbstermächtigung ist. Daniel Botmann, Geschäftsführer des Zentralrats der Juden,  und Dmitrij Belkin, der  Projektleiter von „Schalom Aleikum“, verschweigen in ihrem Vorwort nicht, dass einige Muslime, die noch vor kurzem einen lockeren und freundlichen Austausch mit ihren jüdischen Gesprächspartnern führten, im Frühjahr in einer „Grauzone des Dialogischen“ gelandet sind. Diese Grauzone ist für sie aber keine No-go-Area. Sie wollen auch dorthin vorstoßen.

Goodbye Hate! Bildungsakteurinnen und -akteure gegen Antisemitismus, Zentralrat der Juden in Deutschland (Hg.), Hentrich & Hentrich Berlin, 2021, 88 S., 12,90 Euro
Die Buchpräsentation lässt sich am 30. Juni von 17 bis 18.20 Uhr live per Livestream bei Facebook und YouTube verfolgen. Danach ist sie abrufbar.