Antonio Gramsci (1892 – 1937), einer von denen, die im Laufe des 20. Jahrhunderts versuchten, den Marxismus zu erneuern. Er tat es in Turin während der großen Streiks und Fabrikbesetzungen nach dem Ersten Weltkrieg, er tat es an der Spitze der Italienischen Kommunistischen Partei und er tat es – am umfassendsten – im Gefängnis. Im „Argument Verlag“ sind Gramscis „Gefängnishefte“ in einer zehnbändigen Ausgabe erschienen. Die Leinenausgabe ist vergriffen. Eine Taschenbuchausgabe der 3600 Seiten ist für 120 Euro zu haben. Die Gefängnisbriefe I und II sind lieferbar. Außerdem hat der Verlag jede Menge Auswahlbände mit Texten von Gramsci und Bücher über ihn im Angebot. Die Reihe der Gefängnisbriefe soll fortgesetzt werden. Wer bisher nichts gelesen hat von Antonio Gramsci, kann sich nicht auf ein mangelndes Angebot berufen. Es liegt nur an ihm. Ich habe seit zwei Jahrzehnten nichts mehr von Gramsci gelesen. Die Frage nach der Erneuerung des Marxismus, die große Teile meiner Generation – ich bin 1946 geboren – mehr als ein Jahrzehnt lang umtrieb, interessierte mich nicht mehr. Es schien mir müßig, immer wieder dieselben Steine umzudrehen, um nachzusehen, ob auf ihnen nichts zu lesen wäre, was offensichtlich völlig neue Umstände mittels alter Einsichten begreiflicher machen könnte. Aber es war natürlich falsch, den Sarden, dessen Urgroßvater väterlicherseits 1821 als Aufständischer gegen die Osmanen aus Albanien geflüchtet war, und seine Versuche, die Welt zu verstehen, nur als „Erneuerung des Marxismus“ zu betrachten. Es ging Gramsci nicht darum, einem Ismus Leben einzuhauchen. Er wollte seine Lage begreifen. Er konnte das nur, indem er die der anderen zu verstehen suchte. Das ist interessant an seinen Texten. Diese Bewegung. Er verortete sich und seine Zeit. Die Ergebnisse dieser Verortungen mögen im einen oder im anderen Falle dem einen oder dem anderen mehr zusagen. Die Aktualität Gramscis liegt aber nicht darin. Seine Welt ist so weit entfernt von der unseren, dass das kaum noch eine Rolle spielt. Selbst seine Hegemonie-Lehre nimmt sich angesichts der heutigen Verschränkungen von Macht und Ohnmacht, von selbstverschuldeter und aufgezwungener Unmündigkeit, von frei- und unfreiwilliger Knechtschaft – ich zitiere noch deutlich ältere Texte – ein wenig hausbacken aus. Die inspirierende Kraft Gramscis liegt darin, dass er nicht aufgab, sich Gedanken zu machen, dass er scheinbar unermüdlich sich positionierte. Er wollte wissen. Obwohl ihm klar war, wie prekär all dieses Wissen war. Es ist ein Zweifeln gegen die Verzweiflung.

Der seit 1928 vom Mussolini-Regime gefangen gesetzte Antonio Gramsci durfte nur an Verwandte schreiben. Korrespondenz mit politischen Freunden war streng verboten. Tatjana Schucht (1887 – 1943) war die Schwester der russischen Ehefrau Gramscis. Sie schrieb ihm ausführliche Briefe, in denen neben ihren eigenen Gedanken und Ratschlägen auch die von Gramscis Freunden, vor allem die von Piero Sraffa, des in Cambridge lebenden Ökonomen, eingegangen waren. Tatjana Schacht war in den Jahren des dritten Bandes die Schaltstelle, über die der Gefangene mit seinen Freunden, - zunehmend widerstrebend - mit der Kommunistischen Partei Italiens, und mit seiner in Moskau lebenden Ehefrau und den beiden Söhnen Kontakt hielt.
Einen Schwerpunkt der Korrespondenz bilden die Briefe, die sich mit dem Film „Two worlds, Zwei Welten“ (1930) des deutsch-jüdischen Regisseurs Ewald André Dupont (1891 – 1956) beschäftigen. Leider habe ich den Film im Internet nicht gefunden. Der Regisseur hatte schon vor 1933 in den USA und Großbritannien gedreht. Nachdem Adolf Hiler Reichskanzler geworden war, emigrierte Dupont. Er starb 1956 in Los Angeles. Wer mehr über ihn erfahren möchte, lese den englischen Wikipedia-Beitrag. Tatjana Schucht schildert die Handlung des während des Ersten Weltkriegs spielenden Films. Ein Pogrom findet statt. Österreichische Truppen intervenieren. Als Truppen des Zarenreiches 1917 die kleine galizische Stadt erobern, versteckt eine Jüdin einen österreichischen Leutnant. „Der verliebt sich in das Mädchen und bleibt in ihrer Wohnung versteckt. Auch sie liebt ihn, aber der Film will zeigen, dass ihre Liebe unmöglich ist, da die beiden verschiedenen Welten angehören.“ Jetzt würde man doch sehr gerne diesen Film sehen. Hat Tatjana ihn richtig verstanden? Will der Film zeigen, dass diese Liebe unmöglich ist, weil es das Vorurteil der zwei Welten gibt oder behauptet der Film, es gebe diese zwei Welten und darum sei diese Liebe unmöglich? War Dupont ein Kritiker der Vorurteile, war er Zionist? Oder verfilmte er einfach ein vorgegebenes Drehbuch, ohne sich um dessen Botschaft zu kümmern? Antworten auf diese Fragen wird man wohl in Siegbert Salomon Prawers Buch „Between two worlds: jewish presences in german and austrian film. 1910 – 1933“ finden. Das liegt mir jetzt nicht vor. Aber hier geht es ja vor allem um die nächsten Sätze von Tatjana Schucht: „Was meinst Du? Ich glaube wirklich, dass die Welt des Einen verschieden ist von der des Anderen, es ist wahr, es sind zwei Rassen. Was meinst Du? Ich umarme Dich Tanja“ Wie viel Liebe und Fürsorge sie für ihn hat und wie unangenehm das ihm doch auch sein muss. Gramsci antwortet ihr am 13. September 1931. Er bedankt sich für Medikamente, schildert sein Gefangenenleben, attackiert sie, spricht angesichts ihrer Therapie-Vorschläge von Aberglauben und „Weiber-Empirismus“. Dann kommt er auf den Film zu sprechen: „Wie kannst Du glauben, dass es diese zwei Welten gibt? Diese Denkweise ist die der Schwarzhunderter, des amerikanischen KuKluxKlan oder der deutschen Hakenkreuze würdig. Und wie kannst gerade Du das sagen, die Du das lebende Beispiel zuhause hattest? Hat es jemals einen Bruch dieser Art zwischen Deinem Vater und Deiner Mutter gegeben oder sind sie einander nicht noch immer eng verbunden? Der Film kommt sicher aus Österreich, aus dem Antisemitismus nach dem Ersten Weltkrieg.“ Gramsci ist entsetzt. Er will seine Schwägerin nicht verstehen. Er will mit dieser Welt der Vorurteile nichts zu tun haben. Er ist ganz und gar Abwehr. Er ist allein und jetzt, da Tatjana so schreibt, ist er es noch mehr. Tatjana Schucht antwortet ihm mit einem sehr intimen Brief, in dem sie unter anderem schreibt: „Ich glaube auch, dass es mir ganz unmöglich ist, das Bedürfnis nach einem anderen zu spüren, da ich mich in keiner Weise öffnen kann. Und doch bin ich zweifelsohne äußerst empfindsam auch für die geringste Gefühlsbezeugung und Aufmerksamkeit, die mir entgegengebracht wird. Doch diese Gefühle verwirren mich, sie berühren mich sehr stark, aber sie bewegen mich dazu, äußerst zurückhaltend, vielleicht böse, ja sicherlich grausam zu sein, weil ich mich trotz allem niemals werde öffnen können.“ Gramsci geht auf diese Zeilen nicht ein. Dabei zeigen sie sehr deutlich, dass Tatjana Schucht besessen wurde von der Vorstellung der zwei Welten. Lange vor dem Film und weitab von Juden und Nicht-Juden. Die anderen und sie – das waren die zwei Welten, die nicht zusammenkommen konnten. Doch: Sie kamen dauernd zusammen. Schmerzhafte Zusammenstöße der Welt des Ich der Tatjana Schucht und der Umwelt, zu der sie kein emotionales Verhältnis entwickeln konnte. Sie schreibt diesen Brief an den buckligen, gerade mal 150 Zentimeter großen Schwager, der seit drei Jahren im Gefängnis sitzt, geplagt von alten und neuen Krankheiten. Auch er wird eingekapselt gewesen sein in sein Ich. Aber er will hinaus. Mit dem Kopf mit den Gefühlen. Auch sie will es. Dieser Briefwechsel lässt uns teilhaben an diesen so unterschiedlichen Versuchen, aus zwei Welten eine Welt zu machen.

Antonio Gramsci: Gefängnisbriefe III – Briefwechsel mit Tatjana Schucht 1931 – 1935, Verlag Argument/Cooperative/InkriT, hrsg. von Ursula Apitzsch, Peter Kammerer und Aldo Natoli, aus dem Italienischen von Leonie Schröder mit einer Einleitung der Herausgeber, 501 Seiten, 38 Euro.