Es ist ja nicht so, dass nur Schauspieler, Regisseure, Kulturpolitiker, alte und neue Intendanten sich vor dem in der Volksbühne herrschenden Theatergott in Acht nehmen und ihm dienen und huldigen müssen. Auch den Kritiker hat Er natürlich im Griff. Kann man schon in der Luther-Bibel von 1545 lesen: „Vnd er leget seine rechte Hand auff mich/ vnd sprach zu mir/ Fürchte dich nicht/ Ich bin der Erst vnd der Letzt/und der Lebendige./ Jch war tod/ vnd sihe/ Jch bin lebendig von ewigkeit zu ewigkeit/ vnd habe die Schlüssel der Helle vnd des Tods./ Schreib/ was du gesehen hast/ vnd was da ist/ vnd was geschehen sol darnach.“

Nicht fürchten? Schöner Scherz. Es handelt sich um die Offenbarung des Johannes, der in zweiundzwanzig Bibel-Kapiteln vom stufenweisen Weltuntergang kündet: der Apokalypse.

Am Mittwoch kam der Text auf Lutherdeutsch in der Volksbühne zur Aufführung, Wort für Wort. Nun gilt es, Zeugnis auch darüber abzulegen, wie trefflich besagter Volksbühnengott alles eingerichtet hat: Die Apokalypse als Kampagnen-Verlängerung, die am vergangenen Montag mit einem offenen Brief beginnen sollte. Darin artikulierte die Belegschaft ihre berechtigte Untergangsangst vor dem im nächsten Jahr bevorstehenden Intendantenwechsel.

Die irdischen Entscheider aber versuchten ihnen diese Sorgen zu nehmen, wenngleich alle kündbaren Schauspieler, wie es bei Intendantenwechseln üblich ist, ihre Blauen Briefe schon bekommen und die Bleibenden verdrießliche Zukunftsschimären vor Augen haben. Frank Castorf selbst schweigt und überlässt dem Volksbühnengott (manchmal werden die beiden verwechselt) das Wort: „Thue Busse/ Wo aber nicht/ So werde ich dir balde komen“.

Auf die Bretter

Vielleicht ist aber alles nur Zufall? Ein Versehen? Vielleicht ist der Bühnenhimmel leer? Gnade dem Zweifler. An diesem Abend jedenfalls ist Gottes Wort und des Johannes’ Zeugnis in Form von Luthertext im Regiebuch abgeheftet und wird von der mitspielenden Souffleuse Elisabeth Zumpe eingeflüstert. Das ist schon mal eine super Idee und weist auf ein grundsätzliches Prophetenproblem hin, nämlich die Textfülle, die einen beeindrucken soll, aber schon mal inhaltlich überfordert, geschweige denn, dass man den ganzen Sermon weitererzählt kriegt, bevor es zu spät ist: Hier hat die Vorsehung eine Vorsagerin dabei. Wie praktisch!

Dazu kommt der ebenfalls mitspielende Musiker Ingo Günther, der mit einem smartphonegroßen elektronischen Manual unsichtbare Geräusch- und Klangquellen ansteuert, schiefe Piepser, erhebende Brummer und schmetternde Posaunentöne produziert, aber auch Glöckchen, Harfe und Nasenflöte bedient.

Beide in schwarzes Satin gewandete Gestalten sind Messdiener für Wolfram Koch, Theatergottes ersten Stellvertreter auf den irdischen Brettern, der die Worte auf mindestens sieben, vielleicht auch auf 144.000 gestische Weisen aussendet. Unter anderem als größten Witz der Weltgeschichte, als Kleingeisträcher, als Flaschencontainer-Monolog, als psychotischen Bewusstseinsfluss, als Siegesgewinsel, unter Starkstromschlägen und Erdbebenstößen, im Liegestütz, im Sprung, im Flug, im Sturz, auf heißen Sohlen, auf Socken, am Haken, im Anzug, hauteng kariert, verbogen, verboten, verdreht, verkichert, abgekocht. Es ist eine einzige Lust, diesem Teufel beim Überwinden von selbstgeschaffenen Hindernissen zuzusehen! Das größte und schönste Hindernis ist dabei die für heutige Ohren und Münder verknappte, trompetige, kraftvolle Luthersprache.

Regie führte und den Raum gestaltete Herbert Fritsch. Der Volksbühnenrundhorizont wird in blaues, rotes, gelbes Licht getaucht, ein gelber Fünf-mal-fünf-Meter-Schacht gähnt als steriler Höllengrund in der Bühnenmitte, vom Himmel her schwebt eine zwanzigstufige gelbe Treppe herein − mit unserem gelben Johannes darauf. Die Himmelstreppe passt mit erlösender Eleganz millimetergenau in den Höllenschacht, wo sie erst zur Irritation, dann zum Verdruss von Koch, der das Obensein doch sehr genoss, immer weiter versinkt.

Hässliche Behandlung

Ach, Herbert Fritsch. Der große Gaukler des deutschsprachigen Theaters hatte eine harte Kindheit. Er ist 1951 in Augsburg geboren, nachdem seine Eltern sich trennten, bei seinen Großeltern in der Oberpfalz aufgewachsen, dann zum Vater, einem Metallarbeiter, nach Hamburg an die St. Bonifatius-Schule geschickt worden. Er sei, erzählte er der Berliner Zeitung in einem Interview,  von der „superscharfen katholischen Diaspora“ als Scheidungskind „hässlich behandelt worden“.

Wer Fritsch heute sieht, diesen silberhaarigen raspelbärtigen eleganten Beau im Rentenalter, sieht immer auch den hibbeligen, aufmerksamkeitsbedürftigen Jungen. Die harte Hand des Vaters hat ihn getroffen, ebenso der strafende Herr im Himmel als pädagogisches Prinzip, später kamen der launenhafte Volksbühnengott und die Regie-Autorität Frank Castorf hinzu, die den Schauspieler Fritsch zu grandiosen Auftritten aufpeitschten oder fallen ließen, ganz nach Laune und natürlich künstlerischer Notwendigkeit.

Fritsch nahm einen neuen langen Anlauf als Regisseur im hauptstadtfernen Stadttheater und kehrte triumphal zurück, erst beim Theatertreffen, dann als Volksbühnenregisseur, der seine herrlichen Sinnlosigkeitsmessen zelebriert. Die stimmen nicht nur jeden Theatergott milde, der ein bisschen bei Trost ist, sondern bestehen glänzend neben dem, was Castorf an brachialer Tiefe, René Pollesch an hipper Wachheit und Christoph Marthaler an postmelancholischem Trost liefern. Auch an diesem Abend, der ungefähr zehn Minuten länger dauert, als das Glück trägt, war der Jubel groß.