Der Konflikt um die Volksbühne erlebte mit der Besetzung des Hauses am Rosa-Luxemburg-Platz eine weitere Wendung und mit der Räumung ist er nicht vorbei. Wir sind mit den ungeklärten Fragen und Problemen noch lange nicht fertig, auch wenn es nun, nach den Tempelhofer Tanzevents, die erste Schauspielpremiere der neuen Leitung unter Chris Dercon mit schönem Applaus gefeiert wurde: im Hangar5 – der größenwahnsinnigen Nebenspielstätte eines ohnehin schon monströsen Bühnengebäudes.

Utopie und Schnapsidee

Die Programmleiterin Marietta Piekenbrock versuchte in einer Einführung diese Schnapsidee zu erklären, indem sie noch einmal aus der Geschichte des Flughafens Tempelhof von Fortschritt, Freiheit, Bombermontage, Zwangsarbeit und zuletzt Flüchtlingsunterkunft erzählte. Sie erinnerte sich an den starken Impuls, der Dercon und sie auf die Idee brachte, diesen Ort zu bespielen − in der Tradition von Augusto Boals Theater der Unterdrückten und Erwin Piscators Totaltheater.

In diesen „Konfrontationsraum“ sei nun, mit dem 300.000 Euro teuren, auf ein Leihgerüst gesetzten Zuschauerpodest von dem Stararchitekten Francis Kéré der „Grundstein einer Utopie“ gelegt worden, für die allerdings demnächst Miete anfallen wird.

Natürlich fragte man sich mit Blick auf ein weißes, tiefes Bühnenpodest, das eine Straße darstellen mag und nur einen Bruchteil der gigantischen Räumlichkeit in Anspruch nimmt, warum man das nun nicht in der richtigen Volksbühne realisieren konnte, statt diese bis November geschlossen zu halten. Und es stimmte auch mürrisch, wie diese „Iphigenie“ nun als Kreation der neuen Volksbühne vereinnahmt wird und für die fehlende, mit Begriffswolken aufgebauschten Spielplandramaturgie herhalten soll.

Ausgeknipster Luxuszwist

Es handelt sich um den dritten Teil einer Antiken-Trilogie, an der die syrischen Theatermacher Mohammad Al Attar und Omar Abusaada seit Jahren mit vielen Partnern arbeiten. Andererseits wurde das Projekt im Lager der Dercon-Gegner immer wieder diskreditierend als Beispiel in die Debatte geworfen: eingekauftes Laien- und Flüchtlingstheater, das also sei die neue Volksbühne …

All diese mehr oder weniger berechtigten Zweifel und theaterpolitischen Kleinlichkeiten schienen in der Lage zu sein, die Künstler zu verunsichern. Sie taten das einzig richtige, indem sie sich nicht darum kümmerten. Und siehe da, als am Sonnabend die ersten Theaterworte gesprochen wurden, verschwand der ganze große Berliner Luxuszwist, und auch in diesem Text soll nun keine Rede mehr davon sein.

Dulden oder Handeln

Die Idee des Abends ist einfach und unterläuft den Mythos von der Tochter Agamemnons, die sich für Wind opfern will. Den braucht das Heer der Griechen, um über das Ägäische Meer zu segeln und Troja zu vernichten. Aktuell naheliegende Parallelen zu opferreichen Heimatverlust- und Fluchtgeschichten wurden vermieden.

Stattdessen bewegt sich „Iphigenie“ gedanklich sehr konkret in dem Bereich zwischen Dulden und Handeln. Wie schafft man es, wenn man vom Schicksal aus der Bahn geworfen und aus den bisherigen Gewissheiten des Lebens gerissen wird, neuen Halt zu finden, eigene Entscheidungen zu treffen und so die Hoheit über das Leben zurückzuerobern?

Das Casting als Metapher

Viel haben die Macher schon bei der Auswahl der Protagonistinnen gewonnen: neun syrische Frauen im Alter von 17 bis 30 Jahren, die, indem sie hier mitmachen, eine solche Entscheidung getroffen haben, die den Mut fanden für den Schritt ins Licht. So ist es geradezu zwangsläufig eben das Casting zur Metapher und zum zentralen Teil des Bühnengeschehens erklären. Die Überwindung, sich bei diesem Theaterprojekt zu melden, sich den Fragen der von Reham Alkassar gespielten Theatermitarbeiterin zu stellen, sich dabei aufnehmen zu lassen. 

Es gibt kein Geplänkel, die gestellten Fragen dringen schnell vor in Schmerz- und Schambereiche: Was hast du mit Iphigenie gemeinsam? Wie ist dein Verhältnis zu deinem Vater? Warum möchtest du hier mitmachen? Siehst du einen Konflikt zwischen der Schauspielerei und dem Kopftuch? Bist du glücklich? 

Umgedrehter Spieß

Das geht bis an die Grenze der Zudringlichkeit und Indiskretion, noch dazu in einer Situation, in der die Machtverhältnisse auf den ersten Blick klar zu sein scheinen. 

Aber dennoch wirken die Frauen keinen Moment ausgeliefert, sie drehen den Spieß um. Ihre Antworten sind in der Verdichtung des Textes genau, reflektiert und persönlich, aber keinen Moment selbstentblößend. Es scheint sogar, dass sie es genießen, wie sich jemand für sie interessiert − auf so andere Weise interessiert als zum Beispiel die deutschen Behörden und Medien.

Wucht des Konflikts

Das Bild, das die Castingkamera aufnimmt, wird auf eine große Leinwand übertragen. Wir sehen, was sich in den Gesichtern abspielt wie unter einer Lupe. Und von Laientheater zu sprechen ist absolut unangebracht, denn offenbar wurde sehr geduldig schauspielerisch gearbeitet. Nichts wirkt einstudiert und aufgesagt, der Dialog entspinnt sich scheinbar im Augenblick. Kleine Pointen werden belächelt, als kämen sie aus dem Moment. Blicke verdüstern sich, Gedanken werden weggezwinkert, Augen füllen sich mit Wasser.

Einmal rollt auch eine Träne die Wange herab. Dies aber, als eine Kandidatin ein paar Verse von Euripides spricht. Und der gestaltete tragische Konflikt, der jedes individuelle Leben in die Zange nimmt, seine Wucht entfaltet.