Nahezu unbemerkt von der Öffentlichkeit stürzt die Schweiz das Theater in eine kleine Kulturrevolution. Es ist nach der Einführung von Kritiken, welche die Theater bei den Internetpublizisten von www.theaterkritik.ch käuflich erwerben können, schon die zweite. Bereits zu Beginn der Saison hat das Gastspielhaus Winterthur eine technische Neuerung eingeführt, deretwegen die Branche der Theaterkritik um ihre Existenz fürchten muss. Liegt es daran, Kollegen, dass keiner darüber schreibt?

Über das so unerschrockene wie unkäufliche Theater-Fach-Internetportal www.nachtkritik.de konnte man von einem Interview des Tagesanzeigers mit dem Theaterleiter erfahren. Marc Baumann, vormals kaufmännischer Direktor des Zürcher Schauspielhauses und also Ökonom, evaluiert bereits seit Amtsantritt im Herbst 2009 die Zuschauerreaktionen. Anfangs mit Meinungsabfrage-Kärtchen, nun aber, da die Mitarbeit der Zuschauer erlahmte, mittels Applausmessung, ähnlich wie beim Fernsehen.

Nach jeder Vorstellung werden Lautstärke und Dauer des Applauses ermittelt. Diese Werte werden in eine Relation zur Auslastung gesetzt und mittels eines Applaus-Koeffizienten in Prozentzahlen umgewandelt. Eine auf der Internetseite des Theaters einzusehende Balkengrafik zeigt an, wie nah der Applaus an den Optimalwert gelangt ist.

Die Behauptung, dass es überhaupt einen Optimalwert gibt, der überdies schon mehrfach erreicht worden sein soll, ist nur eine der Kinderkrankheiten dieses Systems. Denn natürlich müsste die Skala wie bei der seismischen Messung von Erdbeben nach oben offen sein. Optimal wäre ein Applaus mit unendlicher Länge und messgerätezerfetzender Lautstärke.

Was will man damit erreichen?

Was aber will man mit dieser Pseudo-Objektivierung der Aufführungsbewertung erreichen? Baumann sagt: „Wir wollen zeigen, dass wir an den Geschmack der Zuschauer glauben.“ Aha. Geschmack. Zuschauer. Wie sich jetzt ausdrücken? Die Kompetenz des Zuschauers in der Beurteilung einer Aufführung ... äh ... unterliegt doch aber größeren Schwankungen als beim Fachpublikum. Und abgesehen davon, dass Dauer und Lautstärke des Applauses nur sehr wenig über die Qualität der Aufführung aussagen − sie sagen ebenso wenig, nein noch weniger über die Qualität des Applauses selbst aus. Das Applausometer kann ja noch nicht einmal die Unmutsbekundungen verrechnen.

Ein Applaus kann dankbar, routiniert, pflichtschuldig, zärtlich, nachdenklich, erschüttert, hingerissen, eilig, bekennerisch, erschrocken, selbstverliebt und vieles mehr sein. Aber vor allem kann er unsachgemäß sein! Deshalb wird der Theaterkritiker, der stets recht hat, natürlich weiterhin gebraucht.