Die Schule ist bekanntlich der Spiegel der Gesellschaft. Und ein Blick in ihre Zukunft. Deshalb muss, wer sich fragt, wie die Gesellschaften der arabischen Staaten in Zukunft aussehen könnten, in ihre Schulen schauen. 35 Schulleiter aus Nordafrika und dem Nahen Osten diskutierten vergangene Woche auf einer vom Goethe Institut organisierten Konferenz in Berlin über Schule und Bildung angesichts der Umbrüche in der arabischen Welt. Der Schwerpunkt lag auf der Frage, wie Schule Demokratie erlebbar machen kann, damit Kinder zu Bürgern heranwachsen.

Respekt vor Autoritäten

Stolz wurde einander von Fortschritten berichtet: In Tunesien werden die Lehrer seit der Revolution nicht mehr von der Regierungspartei eingesetzt, im Oman gibt es jetzt eine Schulpflicht, eine akademische Ausbildung für Lehrer, behinderte Schüler werden integriert, die Schulzeit wurde von neun auf zwölf Jahre verlängert. In Jordanien und im Libanon üben Schülerparlamente Mitbestimmung.

Die Ursachen für diese Entwicklungen sind komplex und nicht immer auf die Arabischen Revolutionen zurückzuführen. Während sich in Ägypten viele über Rückschritte ärgern, finden in anderen arabischen Ländern weitgehend unbeachtet große Veränderungen statt.

Und es gibt große Unterschiede zwischen den einzelnen Ländern. Als Alzahraa AlHinai aus dem Oman erzählt, dass ihre Schüler jeden Morgen über Politik diskutieren, kann Soumaya Hneineh aus dem Libanon es kaum glauben: „Das wäre bei uns noch undenkbar!“, sagt sie. Es ist ein seltsamer Spagat: einerseits dulden viele Regime das Vorpreschen vieler Lehrer, den Schülern ein Gefühl für Demokratie vermitteln zu wollen, andererseits ist konkrete politische Bildung oft noch tabu. Dabei ist es das erklärte Ziel, „dass Kinder, die das Recht auf freie Meinungsäußerung und Mitbestimmung in der Schule erleben, dieses später selbstverständlich auf Politik und Gesellschaft übertragen“, wie es Ben Bettaieb Sadok aus Tunesien formuliert.

Widerspruch gilt als frech

Doch da stoßen sie noch auf ganz andere Hindernisse – die Eltern. Ghazi Musharbash aus Jordanien gibt zu bedenken: „Ein Kind, das bei uns einem Erwachsenen widerspricht, gilt als frech. Der unbedingte Respekt vor Älteren und Autoritäten ist fester Bestandteil unserer Kultur, das lässt sich nicht so einfach ändern.“ Ein weiteres Problem sind die Schulmaterialien, die ausgetauscht werden müssten, weil sie nicht gerade demokratische Werte vermitteln, wie Leila Zaki aus Ägypten fordert. „Nach dem Ende der DDR wurden hier doch auch die meisten Schulbücher entsorgt“.

Unter anderem wegen dieser Schwierigkeiten sind einige der anwesenden Schulleiter gar keine Anhänger der Arabischen Revolutionen: „Das war überstürzt“, meint Hneineh, die im Libanon auch im Bildungsministerium sitzt. „Die Leute haben von Demokratie nur gehört, aber sie noch nicht verinnerlicht. Demokratie muss gelernt werden! Das braucht vielleicht zehn oder 15 Jahre, ist aber tiefgreifender und dauerhafter.“

Seminare für Eltern

Am letzten Tag der Konferenz präsentieren die Schulleiter einigen Botschaftern konkrete Ideen, die sie Zuhause umsetzen wollen: Projekttage zu Bürgerrechten, Seminare über religiösen Fanatismus, Schülerparlamente, aber auch so scheinbar Einfaches wie das Aufhängen selbstgemalter Bilder ist dabei – es vermittelt den Kindern das Gefühl, mitgestalten zu können.

Unter den Teilnehmern herrschte eine Einigkeit über den demokratischen Traum, die in den jeweiligen Ländern so wohl nicht zu erwarten ist. Doch alle Beteiligten hoffen jetzt auf den Schneeballeffekt. Mustafa Mahabad aus dem Irak ist optimistisch: „Wir sind nur drei Schulleiter aus dem Irak hier, aber ich sage Ihnen, die anderen Schulen werden es sich bei uns abgucken.“