Arabistik-Professorin Angelika Neuwirth: Der Koran gehört zu Europa

Als vor sechs Jahren der erste Band dieses ausführlichen Kommentars zum Koran erschien, durfte man berechtigte Hoffnung auf seine rasche Fortsetzung haben. Denn endlich hielt man wissenschaftliche Erörterungen in der Hand, die sich strikt an die historisch-kritischen Kriterien hielten – und damit die pluralen Deutungsmöglichkeiten des Koran offenlegten. Der Koran ist kein eindeutiger Gesetzestext, er ist auch nicht isoliert entstanden. Bereits 2010 hat die Arabistin Angelika Neuwirth mit ihrem Buch „Der Koran als Text der Spätantike“ eingehend nachgewiesen, dass er „in Reibung“ mit den jüdischen und christlichen Stimmen der Spätantike entstanden ist, als eine – wie sie damals schrieb – „neue und nachhaltig vernehmbare Stimme im Konzert der theologisch-philosophischen Diskussionen“.

Dass sich diese neue islamische Identität binnen lediglich 22 Jahren bildete, jener Zeitspanne, in der der Prophet Muhammed den Koran „empfing“, ist für Neuwirth gerade ein Hinweis darauf, dass es eine überaus intensive Auseinandersetzung mit dem religiösen Umfeld gab. Sie verdeutlicht es besonders an der Debatte mit den Juden in Medina, mit denen Muhammed nach seinem Auszug aus Mekka ab 622 in engem Kontakt war. Hier hat er der hebräischen Bibel eine eigene, eben muslimische Deutung abgerungen, deren Voraussetzung gerade der „Eintritt“ in einen mit den Juden „geteilten Denkraum“ war.

Das ist keineswegs unumstritten. Peter Brown etwa, nicht nur einer der einflussreichsten Historiker der Spätantike, sondern auch der Begründer dieses Epochenbegriffs, hat soeben auf knapp 1000 Seiten den „Aufstieg des Christentums“ geschildert, ungemein kenntnisreich, sehr lesenswert – doch der Islam kommt bei ihm kaum vor. Er erkennt in ihm keine Manifestation des spätantiken Denkens, sondern eine eigenständige arabische Kultur, die sich dem „Geniestreich Mohammeds“ verdanke. Das entspricht der heutigen traditionell islamischen Wahrnehmung – aber nicht den historischen Umständen, auch nicht den theologischen Befunden.

Eurozentrische Definition der Spätantike hat ausgedient

Neuwirth will mit ihrem Koran-Kommentar deshalb auch zeigen, dass der Begriff „Spätantike“ neu zu definieren ist, eben nicht als (eurozentristische) Epoche, sondern als Denkraum. Der Koran, so ihre weitreichende These, ist das Produkt einer überaus originellen, poetischen Lektüre kanonischer Texte. Jesus und Maria etwa, Mose, Abraham sind ja auch prominente Figuren des Koran, aber es sind laut Neuwirth Neudeutungen, die sich von den jüdischen und christlichen Lesarten ausdrücklich absetzen: Der Koran steht in biblischer Tradition – er ist Teil des europäischen Wissenskanons.

Diese Ausgangsthese galt auch schon für den ersten Band ihres Koran-Kommentars, der sich den ältesten, in Mekka entstandenen „frühmekkanischen“ Suren widmete. Und sie leitet auch ihre Arbeit im zweiten Band, der sich den „frühmittelmekkanischen Suren“ widmet. Jetzt aber stehen nicht mehr sprachlich-stilistische Probleme und semantische Unklarheiten im Mittelpunkt, sondern „textpolitische“ Fragen.

Geblieben ist die grundlegende Struktur: Jede Sure wird eigens übersetzt, mit einem Verskommentar versehen, entwicklungsgeschichtlich eingeordnet und nach Inhalt und Struktur gedeutet. Weitaus stärker im Blick sind nun jedoch die konkreten „theologischen Entscheidungen“, die der Koran hinsichtlich damals virulenter Fragen trifft.

Die Sure 20 zum Beispiel erweist sich als Neudeutung der Mose-Erzählung, um Muhammed als gleichwertigen Propheten zu etablieren. Dass der Koran in biblischer Tradition steht, aber keine bloße Fußnote zur hebräischen Bibel ist, sondern eine eigenständige theologische Leistung darstellt, wird an solchen Beispielen überzeugend deutlich.

Nicht unumstritten

Es ist Angelika Neuwirth dabei bewusst, dass sie sich hier auch politisch auf heikles Gelände begibt. Als sie vor zwei Jahren den renommierten Leopold-Lucas-Preis erhielt, schilderte sie in ihrer ausführlichen – und jetzt unter dem sperrigen Titel „Wie entsteht eine Schrift in der Forschung und in der Geschichte?“ veröffentlichten – Dankesrede noch einmal die Geschichte der Debatten um den Koran. Wie er im Islam zum „Normenkanon“ werden konnte, welche Rolle die Wissenschaft und die Politik spielte – und warum er von solchen „fundamentalistischen Auslegungen“ befreit werden müsse.

Das bedarf einer detaillierten „Grundlagenforschung“, wie sie ihr Koran-Kommentar betreibt. Es bedarf aber auch einer Umformulierung der Spätantike und damit des sowohl historischen als auch theologischen Verhältnisses von Judentum, Christentum und Islam zueinander. Neuwirth lehrt nicht nur, den Koran, sondern auch die europäische Geschichte kritisch zu lesen.