Aus der Neuen Nationalgalerie heraus wird künftig der Blick auf das Kulturforum der auf eine riesige Ziegelwand mit einigen Löchern sein.
Foto: Braunfels Architekten (2)

BerlinEs ist nicht das erste Mal, dass Berliner Kulturprojekte erst dann debattiert werden, wenn sich Nicht-Berliner einmischen. Der Museumsstreit der 90er-Jahre oder der Krach um das Humboldt-Forum und die Kolonialpolitik waren und sind solche Debatten. Der Streit um das geplante Museum der Moderne auf dem Kulturforum gehört ebenfalls in diese Reihe.

Es war der Hamburger Volkwin Marg, der die Frage aufwarf, ob das Kulturforum nicht besser ein öffentlicher Park sein solle. Und der Münchner Architekt Stephan Braunfels wies nach, dass die Platzbedürfnisse der Nationalgalerie ohne weiteres auch auf einem Grundstück an der Sigismundstraße befriedigt werden könnten, also den zentralen Ort mitten auf dem Kulturforum gar nicht benötigen.

Am Donnerstag stellt Braunfels ein Buch mit seinen Ideen vor, in dem auch einige Zeichnungen jenes Projekts der Schweizer Architekten Herzog und de Meuron zu finden sind, die wir hier vorab zeigen.

Mangelnde Transparenz

Die Blätter aus Braunfels’ Büro müssen an die Stelle von Zeichnungen treten, die seit der Vorstellung des Entwurfs von HdM im Oktober 2016 immer wieder gefordert, aber nie veröffentlicht wurden.

Auch die Berliner Zeitung hat immer wieder bei der Stiftung Preußischer Kulturbesitz darauf gedrängt, dass endlich Perspektiven hergestellt werden, die eine Gesamtansicht der Neuen Nationalgalerie mit dem Museum der Moderne und den Blick aus dem längst zur Legende gewordenen Bau von Mies van der Rohe hin zum Projekt zeigen. Öffentlich wurden solche Zeichnungen nie gezeigt, weder im Wettbewerbsprojekt noch in dessen Überarbeitungen.

Stephan Braunfels hat sie jetzt für sein Buchprojekt herstellen lassen, um mit diesen Blättern die kritische Debatte um das Kulturforum erneut zu befeuern. Außerdem musste er mit den publizierten Plänen des aktuellen Entwurfsstands arbeiten.

Die Behauptung der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, man habe den Entwurfsprozess immer „transparent“ gehalten, ist in zumindest diesem Punkt unzutreffend. Es stehen keineswegs alle aktuellen Pläne, Grundrisse, Schnittzeichnungen oder wenigstens Lagepläne und Höhenentwicklungen zur Verfügung.

Diese Zurückhaltung scheint zur Strategie von Preußen-Stiftung, der Kulturstaatsministerium und der Architekten zu gehören, um das Projekt politisch durchzusetzen. In der Architektur- wie in der Museumswelt ist der Bau überaus umstritten.

In der aktuellen Ausgabe der Wochenzeitung Die Zeit macht Hanno Rauterberg deutlich, dass das Konzept eines enzyklopädisch alle Epochen der Moderne gleichzeitig ausbreitenden Museums eigentlich nicht mit der Grundidee der Moderne zu vereinbaren sei, sich immer neu zu erfinden.

Exorbitante Baukosten

Genau deswegen zeigt selbst das Museum der Moderne seine Sammlungen nun nach Themen und in breitem Wechsel. Inzwischen wird immer lauter gefragt, warum die Preußen-Stiftung schon wieder einen Neubau errichten will, der zudem nicht mehr 200 Millionen, wie zunächst bewilligt, sondern insgesamt mindestens 450 Millionen Euro kosten soll.

Kulturstaatsministerin Monika Grütters erklärte dazu auf Anfrage der Berliner Zeitung allerdings: „Neben den Baukosten von 364 Millionen Euro haben wir deswegen von Anfang an auch Risikokosten und Indexsteigerungen ausgewiesen. Diese Zahlen beruhen auf einem soliden und belastbaren Planungsstand. Das haben alle Fachleute im Berichterstatter-Gespräch glaubhaft vermittelt. Es geht um viel Geld. Deshalb bildet die jetzt festgelegte Summe für mich eine echte Schmerzgrenze. Ich werde gemeinsam mit den Haushältern strikt darauf achten, dass sie nicht überschritten wird.“

Braunfels’ Zeichnungen zeigen nun in aller Deutlichkeit: Das Problem des Neubau-Projekts sind nicht nur das veraltete museale Konzept, die exorbitanten Baukosten, die bis heute vollkommen ungeklärten Betriebskosten oder die Architektursprache.

Das Problem ist die geradezu autistische städtebauliche Haltung der Architekten HdM: Alles drumherum muss sich auf ihr Projekt beziehen. Charakteristisch dafür ist auf den Zeichnungen der Schweizer, dass alle Menschen von außen hin zu dem Neubau zu strömen scheinen, aber niemand aus dem Bau heraus zu den Nachbarn, den Staatlichen Museen, der Philharmonie, der Kirche oder der Staatsbibliothek wechselt.

Aus der Neuen Nationalgalerie heraus aber wird künftig der Blick auf das Kulturforum der auf eine riesige Ziegelwand mit einigen Löchern sein. Allenfalls, wenn man sich in die Ecken ihrer großen Glashalle bewegt, wird der Schwung der Philharmonie sichtbar sein.

Es wird auch keine ebenerdige Verbindung zwischen den beiden Bauten geben, das Museum der Moderne präsentiert sich zur Sigismundstraße hin verschlossen wie eine Shoppingmall. Und zur Potsdamer Straße, das zeigt Braunfels Perspektive in brutaler Klarheit, wird die Neue Nationalgalerie zum Anhängsel des Kulturforums deklariert. Dabei ist gerade die – zusammen mit der Philharmonie Hans Scharouns – nach den Plänen von Ludwig Mies van der Rohe 1968 eröffnete Neue Nationalgalerie recht eigentlich ein Welterbe.

Sie ist einer der wenigen Museumsbauten der Nachkriegszeit, die auch international für Furore sorgten, mithin ein künstlerisches Glaubensbekenntnis von Mies van der Rohe. Dieser plante die Nationalgalerie als absolute Architektur, als weithin sichtbaren „Kunst“-Tempel aus Glas und Stahl auf einem hohen, mit hellgrauem Granit verkleideten Podium.

Warum gerade hier

Es ist kein Zufall, dass gerade die Neue Nationalgalerie mit einem antiken Tempel verglichen wurde. Sie ist also mindestens so sehr ein in sich stehendes Kunstwerk wie das Haus für eine erstklassige Kunstsammlung. Doch genau diese Freistellung, diese Wirkung in die Umgebung wird durch das Projekt von Herzog und de Meuron massiv angegriffen. Eine Beschränkung, die erträglicher wäre, wenn sie auf jenem Grundstück errichtet würde, das hinter der Neuen Nationalgalerie an der Sigismundstraße immer wieder als Alternative in Betracht kam.

Doch HdM planten eben mitten auf dem Kulturforum, also im ästhetischen Freiraum, der zwischen Neuer Nationalgalerie und Philharmonie gespannt ist.

Warum soll gerade an dieser für die Neue Nationalgalerie und die Philharmonie so hoch empfindlichen Stelle gebaut werden? Eher ungewollt hat die Stiftung Preußischer Kulturbesitz in der letzten Woche in einem „Offenen Brief“, der als Antwort auf einen Artikel in der Süddeutschen Zeitung publiziert wurde, offiziell Klarheit geschaffen.

An der Sigismundstraße hätte man tief in den Boden gehen müssen, um ausreichend Raum zu schaffen. Genau dieser Tiefbau wird nun auch von HdM geplant. Eigentlich verantwortlich aber seien, so die Preußen-Stiftung, für die Ortswahl der Wunsch jener Kunstsammler, von denen man große Stiftungen erwartete – und inzwischen erhalten hat – sowie der Repräsentationswille.

Der Neubau sollte gut sichtbar sein. Das immerhin garantiert der Entwurf von HdM – auf Kosten der Neuen Nationalgalerie und der Philharmonie.