Berlin - Er hatte typische Architektenhände: Breite Fingerkuppen, gepflegte, knappe Nägel, schmale, kräftige Fingerglieder, um Zeichenstift, Tuschefüller und Reißschienen festhalten und schnell bewegen zu können. Georg Heinrichs war Architekt mit Leib und Seele, bis in die letzten Tage seines 94-jährigen Lebens. Oft rief er an. Wenn ihm ein Thema in der Zeitung aufgefallen war, er hatte zur Planung der Stadt sehr dezidierte Meinungen. Zu wenig Spannung und Mut zu neuen Lösungen gebe es, monierte er bei unserem letzten Treffen.

Mut zum Neuen war sein Lebensthema, schon das seiner aus Tallinn nach Deutschland ausgewanderten Eltern, des Architekten Waldemar Paul und Sophie Heinrichs. 1930 zogen sie mit ihren beiden Kindern in die damals revolutionär bunte Waldsiedlung Bruno Tauts in Berlin-Zehlendorf, alle Wände wurden knallfarbig gestrichen. Doch das leichte Leben im Vorort dauerte nicht lange, nach 1935 galten auch für diese „Mischlingsfamilie“ die rassistischen Nürnberger Gesetze. 1937 wurde der Vater aus der Architektenkammer geworfen, die Mutter wurde nach Kriegsausbruch zur Zwangsarbeit eingezogen. 1943 mussten Georg und sein Bruder Sergeij das Gymnasium verlassen, kamen schließlich in die Zwangsarbeit. Heinrichs Talliner Großeltern wurden unter deutscher Besatzung ermordet, sein Bruder starb im Zwangsarbeiterlager, er selbst überlebte nur mit Glück.

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