Georg Heinrichs ist zierlicher, und bei aller körperlichen Schwäche noch schlanker geworden in den vergangenen Jahren. Die Hände jedoch sind immer noch so kraftvoll breitfingrig, wie man es oft bei Architekten findet, die ihr Leben lang mit Stiften neue Lebenswelten erfanden. Heute feiert dieser faszinierende, einst weit über die Stadt hinaus bekannte West-Berliner Architekt seinen 90. Geburtstag.

Eine Größe der West-Berliner Architektur

Vor wenigen Jahren rauschte er noch mit dem Jaguar durch die Straßen. So wie in den 1960ern bis 1980ern, als Heinrichs Fabriken für den Leitz-Konzern und Geschäftshäuser entwarf, das exquisite, bis heute beliebte Jugendgästehaus an der Tiergartener Kluckstraße, den Turm des Opernviertels mit dem so überraschend intimen Innenhof an der Bismarckstraße, das silberne Evangelische Konsistorium im Hansaviertel – 2011 wurde es ruchlos abgerissen – oder die Überbauung der Autobahn an der Schlangenbader Straße in Wilmersdorf.

Heinrichs gehörte zu den führenden Architekten West-Berlins, gut befreundet mit dem überragenden Senatsbaudirektor der 1960er-Jahre, Werner Düttmann, dessen Nachfolger Hans Christian Müller bis 1967 Büropartner von Heinrichs war. Eine Sozialgeschichte der West-Berliner Architektur käme nicht ohne die Beschreibung dieses Geflechts aus.

Und immer war eine Zigarette in der Nähe. Stilbewusstsein, Leidenschaft für das Schnelle, Frische und vor allem das unbedingte Bewusstsein, Teil der Klassischen Moderne zu sein – all das sind die Grundlagen, auf denen sein Werk aufbaute.

Entsprechend groß ist Heinrichs Verachtung für „Postmoderne“, die mit Rastern und Quadraten versuchen, der Welt eine neue straffe Ordnung zu geben. Heinrichs dagegen ist ein Architekt der Plastizität in der Tradition von Erich Mendelsohn, Le Corbusier oder Alvar Aalto, einer des großen Zugriffs, der kraftvollen Form und Zeichnung, der breiten Fensterrahmen – sie sind geradezu sein Markenzeichen geworden – der herzhaften Farben: Blau, Rot, Grün, Gelb, Schwarz und Weiß. Nur keine blassen Töne oder Halbheiten.

Nur keine Halbheiten

Sein Leben ist dabei ein Spiegel der Tragödien des 20. Jahrhunderts genau so wie der Euphorie, die nach 1945 den Wiederaufbau prägte. Heinrichs Großeltern flüchteten aus dem bolschewikisch beherrschten Russland nach Estland, wurden dort während der deutschen Besatzungszeit nach 1941 ermordet.

Seine Eltern waren schon 1921 nach Berlin gekommen, hier wuchs er auf: „Ich habe immer im Umkreis des Kurfürstendamm gelebt.“ Aber seit 1933 wurde die Familie wegen der jüdischen Abkunft der Mutter zunehmend diskriminiert, musste in dunkle „Judenwohnungen“ umziehen. 1944 kam Heinrichs zur Zwangsarbeit nach Petershütte im Harz, konnte aber im April 1945 fliehen. Sein Bruder Sergej dagegen starb kurz vor Kriegsende in einem Arbeitslager bei Dessau.