Berlin - Was für ein kurzes Gedächtnis hat die Architekturwelt doch. Schon mal was von „behutsamer Stadterneuerung“ gehört? Der Altbau-IBA? Von Hardt-Waltherr Hämer, dem Architekten und Stadtplaner, dessen Tod im Alter von 84 Jahren am Donnerstag Abend bekannt gegeben wurde? Er war der Held einer ganzen Generation von bürgerbewegten Architekten, Stadtplanern, Soziologen, Bürgerinitiativen, einer derjenigen, an die man dachte, wenn Jung-Neoliberale a la Westerwelle auf „die Alt-68er“ schimpften.

Dabei begann auch Hämer seine Karriere zunächst konventionell. 1922 in Lüneburg geboren, studierte er nach dem Krieg an der West-Berliner Hochschule für Bildende Künste (HfBK), der heutigen Universität der Künste, dann auch an der Kunsthochschule in Weimar. Sein erster Bau steht in Ahrenshoop, die 1949 eingeweihte Schifferkirche, sein berühmtester ist das Stadttheater in Ingolstadt von 1966, ein Musterbeispiel für organische Betonarchitektur aus der Schule Hans Scharouns. 1967 wurde er Professor für Entwerfen an der HfbK.

Etwa zur gleichen Zeit begann bei Hämer ein Umdenken, dessen Radikalität heute kaum noch zu ermessen ist. Zum ersten Mal focht er 1968 im Sanierungsgebiet Putbusser Straße im Berliner Bezirk Wedding dafür, nicht abzureißen, sondern die alten Bauten gemeinsam mit den Bewohnern zu ertüchtigen. Das sei, so Hämer schon damals, gut für das Stadtbild und ökonomisch sinnvoller als die architektonische Wegwerfkultur der Zeit. Seine Gegner waren mächtig: Praktisch alle Parteien (die Grünen gab es noch nicht), Architekten und Stadtplaner, die großen Bau- und Wohnungsunternehmen, die mit Neubauten weit höhere Mieten erwirtschaften konnten als mit der Sanierung der alten Häuser. Anhänger hatte er unter Stadthistorikern und Soziologen, Denkmalpflegern und Bürgern, die aus ihren Häusern vertrieben werden sollten.

Eine neue Zeit brach an

Lange hatten sie kaum eine Chance. Bis die Häuserkämpfe, Hausbesetzungen und der Kollaps der SPD um 1980 zeigten: Es geht nicht mehr weiter in den alten Wegen. Hämers Arbeiten wurden zu einem Anker einer neuen Stadtbaupolitik. 1979 wurde er Leiter der „Altbau-IBA“. Mit ihr gelang es, innerhalb weniger Jahre die sozialen Konflikte in Kreuzberg und Wedding wenigstens zu beruhigen und die historischen Viertel vor dem Abriss zu bewahren. Sicher, es gab Vorläufer und Parallelen, in Dänemark, den Niederlanden, in den USA. Aber so systematisch wie in West-Berlin wurden Bürgerbeteiligung, Planungskultur und Architektur kaum irgendwo miteinander verschränkt.

Der Rückschlag in den 1990ern war umso härter. Eine neue Zeit der Wachstums-Euphorie brach an. Der Marktglaube der Neoliberalen eroberte die Politik, parallel dazu die Vorstellung, allein ein neues Bürgertum könne mit Townhouses, Luxuswohnungen und Baugruppen die Innenstädte retten.

Einen letzten Kampf mit den Mächtigen gewann er dennoch um das Studentendorf Schlachtensee. Der Senat wollte 2001 das Geschenk Amerikas an die deutsche Jugend verkaufen, damit es zugunsten von Villen abgerissen werde. Keinen Architektur-Journalisten gab es damals, der nicht von Hämer persönlich agitiert wurde. Das Studentendorf steht bis heute, wurde zum Musterbeispiel für die Nutzbarkeit auch von Bauten der 1950er-Jahre.

Hämer war überzeugt, dass Architekten die Welt verbessern können – wenn sie sich auf all die Konflikte und Kontraste einlassen , die wir „Gesellschaft“ nennen. Jeder, der in Berlin eine Altbaufassade sieht, sollte eine Gedenkminute für Hardt-Waltherr Hämer einlegen.