Soll’s nun ein hoher Würfel sein wie die neue Stadtbibliothek in Stuttgart? Oder ein flach ausgebreiteter Leseteppich? Ein harter Riegel? Eine vielfach geknickte Großplastik wie Rem Koolhaas’ Stadtbibliothek in Seattle? Es geht um das neben dem Flughafen ambitionierteste Bauvorhaben in Berlin: Der Neubau der Zentral- und Landesbibliothek, 52.000 Quadratmeter Nutzfläche sollen an der Südwestecke des Tempelhofer Felds für 10.000 Nutzer am Tag und mehr als vier Millionen Bücher entstehen.

Jetzt sind die 55 Entwürfe aus dem ersten Ideenwettbewerb zu sehen, von denen acht ausgewählt wurden. Sie können im internationalen kommenden Wettbewerb gegen renommierte Büros antreten. Daraus werden dann acht bis zehn Arbeiten bearbeitet, bevor drei bis vier Preisträger mit den Nutzern und der Bauverwaltung verhandeln. Dann erst wird das endgültige Konzept ausgewählt. Nutzer und Architekten sollen ihre Interessen abgleichen, bevor es in die Detailarbeit geht. Besser ein so aufwändiges Verfahren, statt ständige Nachbesserungen wie beim Flughafen .

Faszinierender Würfelturm

Eigentlich hatte die Jury neun Entwürfe ausgezeichnet. Aber die Arbeit von Werkstatt Blumfeld aus Berlin fiel aus formalen Gründen aus der Liste. Schade, zeichneten gerade sie einen zarten Hallenbau nach dem Vorbild der Lausanner ETH-Bibliothek, der im Kontrast steht zu den sonst häufigen Bücherfestungen. Etwa dem Riegel von Roberto Scarsato aus Padua: Coolness in der Tradition der 1960er-Jahre, hocheffizient, mit einer strengen Lamellenfassade und Innenräumen, die von schweren Steinen geprägt werden. Der deutlich schlankere Riegel von Motta-Stapenhorst aus Bergamo hingegen nimmt die Formen des postmodernen Rationalismus der 1990er-Jahre auf, mit riesigen Schriftzeichen an der Fassade.

MARS, Überbau, Treibhaus und Lavaland aus Berlin hingegen plädieren für einen teils metallisch verkleideten, teils verglasten Würfelturm mit zwei faszinierend offenen Sockelgeschossen, durch die das Tempelhofer Feld zu fließen scheint, und einem Dachgartenhof. Leicht wirkt das alles bis hin zum Vorschlag, das angrenzende Stadtviertel mit unterschiedlich hohen Bauten zu gliedern. Der Würfelturm von Gussmann und Scarpatti aus Berlin ist dagegen eine Großskulptur, proportionslos mit gewaltigen Fassadenplatten, aber dramatisch verschränkten Innenräumen. Envés & Alcorcon aus Madrid wollen eine ausgestreckte, terrassierte Leselandschaft bauen, die sich unter einem in Facetten geknickten Dach erstreckt. Auch akustisch kann so ein großer Raum funktionieren, wie die Stadtbibliothek im niederländischen Almere zeigt. Die im harten Quadratraster gestaffelte Scheibe von Frohn Roja aus Berlin ist hingegen eine Demonstration verglasten Riesenwuchses, getreppt hin zum Flugfeld, krass aufragend zur Autobahn, und erinnert an amerikanische Vorstädte.

Bloß kein Monument

Auf keinen Fall wollte die Jury eine plastisch ausgreifende, dramatisch verbogene oder gar monumentale Großform. So flog der Berliner Star GRAFT mit seinem Riesenfoyer raus, wie auch Max Dudler (Grimm-Zentrum der Humboldt-Uni). Er schlug einen gerasterten Hauptturm, zwei Nebentürme und einen flachen Sockelbau vor. Sieht ein wenig aus wie ein Rathaus aus der Nachkriegszeit. Chancenlos waren auch das Raumschiff von UArchitects aus Eindhoven, die doppelte Welle von Épitész Studio aus Budapest, die verbogene Raumskulptur von Mamba aus Wien, das reichlich kommerzielle Glashaus von Pracownia aus Stettin. Auch der Entwurf des Kanzleramtsarchitekten Axel Schultes, der eine Treppenhalle entwarf, die an jene von Dudlers Uni-Bibliothek erinnert, wurde trotz seiner kraftvollen Raumkompositionen ausjuriert.

Erstaunlich ist das Jury-Plädoyer für den Entwurf von Miebach Oberholzer aus Zürich. Beton kann wunderschön sein, aber das hier ist kaum mehr als eine verglaste Großgarage. Bibliothek als Ort mit Anmutung, gar zum Wohlfühlen? Der Magazinturm im Inneren wird von der Jury gelobt, aber er ist so klein, dass an praktisch alle Fensterfassaden Bücherregale gestellt werden müssen. Ein konservatorisches Unding, nicht einmal der Kostenrahmen ist eingehalten. Dabei sieht der Senat schon die vergleichsweise gering bemessene Summe von 270 Millionen Euro, „inklusive Mehrwertsteuer und Unvorhergesehenes“ für den Neubau vor. Zwar liegen nur zwei der ausgezeichneten Arbeiten eindeutig außerhalb des Kostenrahmens. Doch auch bei sechs anderen Arbeiten steht nur ein vorsichtiges „voraussichtlich“ oder „erscheint“ möglich. Von den anderen 47 Arbeiten liegen 27 oft deutlich über dem Kostenrahmen.

Auch deswegen ist es so ärgerlich, dass die beiden einzigen Architekten, die einen Umbau des Flughafengebäudes vorschlugen, so schlampig gearbeitet haben. Sie haben damit der Jury jede ernsthafte Debatte über die Frage der Notwenigkeit des Total-Neubaus erspart. Dabei zeigen auch die Arbeiten, die sich an die Regeln gehalten haben: Es muss noch einiges debattiert werden, bis wir wissen, wie die Bibliothek aussehen soll, die nicht nur die Interessen der Bau- und Finanzverwaltungen sowie der Bibliothekare, sondern die Visionen der ganzen Stadt spiegelt.

Ausstellung Flughafen Tempelhof, Gebäude A 2, Aufgang 1, bis 17. Mai 2013, tägl. 13-18 Uhr.