Berlin - Haben Architekten der neuen nationalistischen Welle wirklich den ästhetischen und funktionalen Raum bereitet durch Entwürfe, die ästhetisch in die Vergangenheit weisen, statt sich in die Tradition der Klassischen Moderne zu stellen? Das jedenfalls behauptet die in Aachen und Berlin erscheinende Architekturzeitschrift Arch+ in ihrer neuesten Ausgabe. Nikolaus Bernau betrachtet die entstandene Debatte und findet Schwächen.

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Die neueste Ausgabe von Arch+ ist lesenswert – und sei es nur deswegen, weil man sich im Ärger über einzelne Texte zu neuen Perspektiven angeregt fühlt (arch+ Verlag, 22 Euro).

Arch+ stellt eine Reise durch das angebliche Europa der „Rechten Räume“ vor, von Italiens Mussolini-Kulten durch Ungarn, Polen und Österreich, am Kyffhäuser vorbei bis zum Walter-Benjamin-Platz in Charlottenburg. 1998 entstand er nach den Plänen von Helga und Hans Kollhoff. Schon damals wurden die Säulenhallen scharf kritisiert, wegen ihrer Anlehnung an für Mussolini entworfene Architekturen Marcello Piacentinis.

Er galt als Muster eines rückwärtsgewandten, gesellschaftliche Hierarchien stabilisierenden Raums. Erst jetzt wurden dieser Raum und sein Architekt – nicht seine Büropartnerin, da zeigt sich wieder die Männer-Fixiertheit der Architekturdebatten! – auch als Antisemit „entlarvt“.

Auf der Grundlage eines in die Platzgestaltung eingefügten Gedichtzitats von Ezra Pound. In dem schalt dieser den „Wucher“ – ein Coverwort für Juden – als Ursache des Verfalls der handwerklichen Korrektheit in der Architektur.

Architektur lebt von der Vielfalt 

Da liegt das Kernproblem der Debatte: Pound war zweifellos Antisemit, aber in seinen literarischen Formen ein Moderner. Kapitalismuskritik gab es eben auch von Rechts. Und Kollhoffs Architektur kann man ohne Weiteres auch in die Tradition der „linken“ Volksfront-Architekturen des Palais du Tokyo in Paris stellen. Doch Arch+ behaupten oft reichlich selbstgerecht, dass Architekturformen immer das gleiche bedeuten.

Dabei lebt Architektur gerade von der Vielfalt, den Brüchen. Den Nachbau der Frankfurter Altstadt, hier als Frucht einer rechtsradikalen Initiative beschrieben, beschlossen demokratische Parteien. Hinter der „weißen“ Berliner Schlossfassade wird sich ein einzigartiges Museum Nicht-Weißer-Kulturen entfalten.

In Skandinavien gingen ästhetischem Modernismus und Nationalismus eine enge Verbindung ein. Aber all das passt nicht ins Schema, wird also ignoriert.