Hamburg - Was für ein grandioser Auftritt: Durch schmale Türen im gewaltigen Ziegelblock des einstigen Kaispeichers A geht es auf eine endlos lange Rolltreppe. Mehr als zwei Minuten dauert die Fahrt. Der Tunnel wird enger, die Wände glitzern mit feinem weißen Kratzputz und runden Spiegelscheiben.

Dann kommt ein mit dunklen Ziegeln ausgekleideter Raum. Durch ein Riesenfenster sind Schiffe, dichtgedrängte Kontorhäuser, zarte Kirchtürme, wolkengrauer Himmel, die dunkelgraue Elbe zu sehen – kurz: Hamburg, Elbphilharmonie. Der frische Wind steigt in die Nase.

Mittwoch wird die Elbphilarmonie eröffnet, einer der teuersten Kulturbauten der deutschen Geschichte: Der öffentliche Anteil stieg von 77 Millionen auf jetzt 789 Millionen. Wer das vorzügliche Buch „Elbphilharmonie“ des Hamburger Journalisten Joachim Mischke und des Fotografen Michael Zapf zur Hand nimmt (Edel Verlag Hamburg, 2016) kommt aus dem Staunen nicht heraus über all die Fallstricke, die in Hamburg zielsicher betreten wurden. Zusammen mit den 19,1 Millionen, die für den Verkauf von Super-Luxus-Wohnungen eingenommen werden konnten, und 57,5 Millionen Euro Spenden, kostete das Projekt 866 Millionen Euro.

Sensationelle Handwerklichkeit

Andererseits: In Hamburg hat man für das viele Geld ein öffentliches Gebäude erhalten, das eine Notwendigkeit erfüllt und nicht nur einen Wunschkatalog. Vor allem aber haben die Hamburger für dieses Wahrzeichen selbst bezahlt, nicht wie etwa die Berliner bei den Halbmilliardenprojekten Pergamonmuseum oder Staatsoper das Geld anderer Leute verprasst. Und es gibt für Begeisterung so viele Gründe. Schon die Handwerklichkeit dieses Baus ist sensationell, von den Tausenden von eigens angefertigen Scheiben, die mit ihren Punktierungen das Sonnenlicht außen halten und selbst im Hamburger Grauwetter zart schimmern, über mundgeblasene Leuchten im Hauptsaal bis zu aus Eichenholz gefertigten Balustraden, deren Übergänge wie gedrechselt wirken.

Am Ende der Eisengeländer spürt man Blindenschrift, genau passen die Putze zu den Fußbodenfarben, sogar die Toiletten sind erstklassig ausgestattet. Hier wurde nicht gespart, weil Kaufleuten klar ist, dass Sparen am falschen Platz auf Dauer oft nur Mehrkosten mit sich bringt. Welch ein Unterschied etwa zum Berliner Großprojekt Humboldtforum, an dem selbst kleinste Änderungen mit dem Sparargument verhindert werden – auch wenn sie noch so sinnvoll wären.

Besucher wandeln, anstatt zu gehen

Der Vergleich mit Berliner Projekten liegt auch deswegen so nahe, weil die Elbpilharmonie so eindeutig eine Tochter der bis heute revolutionären Berliner Philharmonie Hans Scharouns ist. Wie in dieser spielen die Architekten ständig mit dem Kontrast von Eng und Weit, hoch und niedrig, lassen die Besucher eher wandeln als gehen. Mehrere Foyers locken und eine geradezu opernhaft großzügige Haupthalle.

Galerien und breite Treppen erlauben hier jede Form der Selbstinszenierung des Publikums. Die Zugänge zu den Sälen dagegen sind eher versteckt und klein – im Fall des kleinen Saals sogar knickrig. Er ist geformt nach dem klassischen Kastenprinzip und die einzige, auch nur relative Enttäuschung.

Während sich in der Berliner Philharmonie die Ränge übereinander staffeln, schwingen sie in Hamburg geradezu wellenartig übereinander. Keiner sollte bis zum Dirigenten weiter als 37 Meter sehen müssen. Diese Bedingung führte dazu, dass der Große Saal ziemlich steil und doch erstaunlich intim wirkt.

Die für die Akustik eingesetzten architektonischen Mittel stehen dabei geradezu exzessiv im Vordergrund auch der Ästhetik, beginnend bei der wie angeschlagen wirkenden Wandverkleidung aus Papier und Stuck bis zum gewaltigen, Ufo-artig unter der Decke schwebenden Akustikpilz. Scharouns Saal ist da sehr viel klarer, übersichtlicher, auch weiträumiger und luftiger, demokratischer im gewissen Sinn, aber auch weniger großbürgerlich. In Hamburg trifft man sich, in Berlin kommt man zusammen.

Herzog und de Meuron haben Scharouns Uridee auch in anderer Hinsicht hamburgisiert. So sind die Treppen einen Hauch steiler – man schwebt nicht, sondern geht. Vor allem aber ist die Umgebung ein ständiger Begleiter des Publikums, man sieht über die Aussichtsterrasse hinaus in den Stadtraum Hamburgs, auf die Schiffe, Hafenkräne und Werften.

Ein Bau, der viele Generationen begeistern wird mit seinen witzigen Ideen und seinem selbstbewussten Hansetum begeistern kann – nicht etwa Hamburger Bier, sondern Störtebecker aus Rostock wird hier ausgeschenkt! Hier lernt man: Die große Kunst ist, an der richtigen Stelle und zum richtigen Zweck das Geld zu verschwenden.