Szene aus „Frühling ohne Sonne“, einem Film von Hugo Hermann aus dem Jahr 1953.
Foto: Archiv Austria

BerlinAls Kinomensch stehe ich dem fast schrankenlosen Angebot von Filmen im Internet skeptisch gegenüber. Wird es nach Wiederaufnahme des Spielbetriebes noch genug analoge Zuschauer geben? Als Historiker allerdings bin ich begeistert von den sich auftuenden Quellen! Noch nie war es so unkompliziert, Entdeckungen zu machen oder auf lang gesuchte Raritäten zuzugreifen. Denn viele Archive gewähren Zugang zu ihren Schätzen.

Seit April etwa findet auf der Webseite des österreichischen Filmarchivs eine Retrospektive statt, die im hauseigenen Metro-Kino laufen sollte. Durch die Corona-Krise können wir auch in Berlin daran teilnehmen. Unter dem Titel „Stunde Null“ werden dokumentarische und fiktionale Werke gezeigt, die um das Kriegsende vor 75 Jahren kreisen. Jede Woche wechselt das Programm, wie im richtigen Kino.

Nach Spielfilmen wie dem ironischen Science Fiction „1. April 2000“ von Wolfgang Liebeneiner oder der leidenschaftlich-pazifistischen Jahrhundertchronik „Der Engel mit der Posaune“ mit Paula Wessely laufen bis zum 7. Mai vier aufschlussreiche Propagandafilme über den Neubeginn nach 1945.

Auf der einen Seite steht der einstündige Kompilationsfilm „Die Stimme Österreichs“, der die Wiedereröffnung des im April 1945 ausgebrannten Stephansdoms zum Anlass für eine Beschwörung des erwachenden Nationalbewusstseins nimmt. Interessant dabei, dass keinerlei Schuldfragen gestellt werden. Die „dunkle Zeit“ zuvor erscheint als Schicksalsfügung. Vom Operettenstar Willy Forst im Auftrag der U.S. Information Agency produziert, legt der Film einen Grundstein des neu definierten „nation building“ Österreichs als Opferland.

Aus: „Schatten über der Welt“, Regie: Hugo Hermann, 1955
Foto:  Archiv Austria

Diesem Selbstverständnis inhaltlich diametral entgegengesetzt sind drei kurze, gleichsam pathetische Filme von Hugo Hermann, die zeitgleich auf dem digitalen Spielplan stehen. „Wähle den Frieden“ (1949) ist ein Werbespot für die Kommunistische Partei Österreichs (KPÖ), deren Mitglied der Regisseur seit 1931 war. Strikt antikapitalistisch wird hier vor Agenten und neuen Kriegstreibern gewarnt. Im 1953 entstandenen „Frühling ohne Sonne“ geht es um verwahrloste Kinder, die dem „Schund und Schmutz“ aus US-amerikanischen Gangsterfilmen ausgesetzt sind. 1955 drehte Hermann im Auftrag des Weltfriedensrates „Schatten über der Welt“, ein von Vladimir Pozner geschriebenes Pamphlet zur Ächtung der Atombombe.

Kurz danach emigrierte Hugo Hermann in die DDR. 1956 realisierte er mit dem Kinder-Gruppenporträt „Träumt für morgen“ (1956) einen der schönsten Dokumentarfilme der frühen DEFA. Da er sich auch in seiner neuen Wahlheimat nicht anpassen wollte, wurde er bald kaltgestellt. Er verstarb 1975 vergessen in Ost-Berlin.

Die Reihe „Stunde Null“ unter www.filmarchiv.at noch bis zum 7.Mai. Danach geht es weiter mit dem Zyklus „Dunkles Wien“ sowie einer Retrospektive zum Werk von Valie Export.