Das Thema dieses 53. Bandes des von der Friedrich-Ebert-Stiftung herausgegebenen „Archivs für Sozialgeschichte“ lautet „Demokratie und Sozialismus: Linke Parteien in Deutschland und Europa seit 1860“. 450 Seiten dazu. Außerdem noch Forschungsberichte und Sammelrezensionen auf knapp 150 Seiten. Zum Thema werden 18 Artikel geboten. Hingewiesen sei hier nur auf ein paar Sätze in einem der Beiträge. Joachim C. Häberlein ist Assistant Professor of Modern Continental European History an der University of Warwick. Sein Artikel heißt: „Kameradschaft mit dem Messer? – Zum Zerfall des linksproletarischen Milieus in Leipzig am Ende der Weimarer Republik“.

Häberlein macht deutlich, wie eines der ältesten Arbeiter- - nennen wir es mit einem der Biologie entlehnten Begriff – reviere Deutschlands nicht etwa von Nazis zerschlagen wurde, sondern sich selbstmörderisch spaltete. Wer nur die Bücher liest, der weiß zwar von dem Streit, ja dem Kampf zwischen Sozialdemokratie und Kommunisten. Er weiß aber viel zu wenig davon, wie sehr beide noch beisammen waren. Sie wohnten in denselben Häusern, besuchten dieselben Kneipen, waren in denselben Vereinen, gehörten zu denselben Familien. Diese Gemeinsamkeiten Stück für Stück zu zerstören, war wahrscheinlich eine der Hauptaufgaben beider Parteien. Natürlich war es für die Kommunisten drängender, ein eigenes Profil aufzubauen, als für die Sozialdemokratie. Sie taten das nicht nur über die Politik. Sie taten das ebenso sehr, womöglich noch verheerender, für das Alltagsleben. Der politisch Interessierte musste sich fortwährend entscheiden: Nicht nur für oder gegen die Sozialfaschismustheorie, sondern auch für oder gegen diese oder jene Kneipe, diesen oder jenen Verein.

In denselben Straßen und Hinterhöfen agitierten auch Anarchisten und Nazis. Bald wurden Kriege um jede Straße, um jede Ecke geführt. Hier standen die Flugblattverteiler der einen, zwei Straßenzüge weiter die der andern Partei. Der Streit tobte mehr noch als um die Macht im Staat um diese Plätze. Wir denken dabei sofort an das Wort von den „befreiten Zonen“. Besser wäre freilich, wir dächten an die Kriege der Drogengangs um ihre Absatzplätze, wie man sie zum Beispiel in der US-Serie „The Wire“ vorgeführt bekam oder wie wir sie in Sudhir Venkateshs großartiger soziologischer Studie „Gangleader for a day“ gezeigt bekommen. Der Kampf um die Ecke ist ein Kampf von Dealern der unterschiedlichsten Rauschmittel. Vor allem aber ist es die Abschaffung der Politik. Es geht nicht mehr um die gemeinsame Verwaltung der gemeinsamen Angelegenheiten, sondern um die Zerstörung der Gemeinsamkeit, um die Errichtung von Mauern und Grenzen, um die Etablierung von Machtsphären.

Das sind Gewalt-, das sind keine politischen Fragen. Das Sich-Absetzen, das Sich-Trennen gehört zur Politik dazu. Man muss nicht immer alles gemeinsam machen. Aber in dem Moment, in dem man sich von der Idee verabschiedet, am Ende wieder am Verhandlungstisch zu sitzen und gemeinsam zu handeln, hat man den Krieg erklärt. Da geht es dann nicht mehr darum, die eigene Position zu finden, um sich klarer zu werden, worauf es ankommt, ja vielleicht sogar ankommen muss. Es geht um die Vernichtung des Anderen. Das ist das Ende. Es war 1931 in Leipzig zu sehen. An der Kreuzung Merseburger- und Lützner Straße befand sich die Epa-Ecke, benannt nach dem dort ansässigen Lebensmittelgeschäft. „Mitglieder der sozialistischen Arbeiter-Jugend (SAJ) hatten dort mit der nötigen polizeilichen Erlaubnis Flugblätter verteilt, in denen die Politik der KPD kritisiert wurde. Schon nach kurzer Zeit wurden sie von jungen Kommunisten bedrängt, die den Ort für sich beanspruchten. ‚Die rote Epa-Ecke ist unser; wir werden euch wegbringen, und wenn einer liegenbleibt’, rief ein Kommunist. Ein anderer erklärte: ‚Hier werden keine sozialdemokratischen Flugblätter verteilt’, und riss den beiden SAJ-Angehörigen die Flugblätter aus der Hand.

Die Situation eskalierte schnell, und noch bevor die sozialistischen Jugendlichen das sich in der Nähe befindende Reichsbanner mittels einer Pfeife zu Hilfe rufen konnten, hatte ein junger Kommunist den Ortsvereinsvorsitzenden der SAJ, Max Warkus, mit einem Messer erstochen.“ Der Kampf der Dealer mit der Droge Ideologie hatte wieder einmal einen Toten gefordert.

Archiv für Sozialgeschichte Band 53, Verlag J.H.W. Dietz Nachf., Bonn 2013, 619 Seiten, 58 Euro.