Archiv Stralsund: Lernmittel Skandal

Im vergangenen Spätherbst brauste ein Skandal durch die Medien, der in der sonst so ruhigen deutschen Archivwelt seinesgleichen suchte: Der Hauptausschuss des Stralsunder Stadtrats hatte einstimmig zugestimmt, die 6000 Bände der bedeutenden, bis ins Mittelalter reichenden einstigen Gymnasiumsbibliothek an einen süddeutschen Antiquar zu verkaufen. Für lächerliche 95.000 Euro.

Allerdings war das Schnäppchen mit Schimmelpilzen verseucht. Ordentlich wies der Antiquar die Stadt darauf hin, dass sie ein Problem in ihrem Archiv hat. Das wurde baupolizeilich geschlossen. Der Ruf Stralsunds als Welterbe-Stadt geriet in Gefahr. Als das Innenministerium in Schwerin mit Nachforschungen drohte, beauftragte Bürgermeister Bredow endlich zwei Fachgutachter. Die kamen zum vorhersehbaren Ergebnis: Niemals hätten diese Bücher verkauft werden dürfen. Aus historischen, bibliophilen und aus juristischen Gründen. Der Antiquar, um seine Reputation fürchtend, gab die Bestände zurück. Die Stadtarchivarin wurde fristlos entlassen, die Staatsanwaltschaft eingeschaltet. Und im feuchten Johanniskloster, in dem das Archiv seit den 1950er-Jahren untergebracht ist, begannen Vorarbeiten für die seit Jahren aufgeschobene Sanierung.

Ende gut, alles gut? Mitnichten. Das wurde auf einer Tagung zur Bestandserhaltung deutlich, die die vom Bund finanzierte Koordinierungsstelle für die Erhaltung des schriftlichen Kulturguts in der Hansestadt am Montag veranstaltete.

Chronische Überlastung

Neben Schimmelpilz und fehlenden Notfallplänen bedroht nämlich vor allem die chronische Überlastung der Archivare und Bibliothekare die historischen Bestände. So manches Stadtarchiv in Deutschland wird inzwischen von Ehrenamtlichen betrieben, im Nebenjob oder auch gar nicht mehr. Die Ausbildung und Fortbildung ist oft schlecht, noch miserabler die Bauten. Vor allem aber fehlt das politische Bewusstsein für die Bedeutung der schriftlichen Überlieferung. Die Landesregierungen verweisen immer wieder auf die Zuständigkeit der Kommunen und die darauf, dass Kultur keine Pflichtaufgabe sei. Im Gegensatz zu Kitas.

Zwar ist es wie in der Denkmalpflege auch in Archiven viel billiger, früh zu intervenieren statt später teuer zu restaurieren. Noch immer aber lehnt die Regierung Mecklenburg-Vorpommerns alle Anträge auf Projekthilfen ab. Es geht um Mini-Summen, 7500 Euro pro Projekt durchschnittlich. Aber weil sie fehlen, gehen auch die Hilfsgelder des Bundes und der Kommunen verloren. Und allen Stadtverwaltungen und Stadtpolitikern wird signalisiert: Geschichte ist nicht so wichtig. Statt es zu machen wie die von den Dänen inspirierten Schleswig-Holsteiner: Dort finanziert der Landtag neuerdings mit 260.000 jährlich die Instandhaltung der Archive und historischen Buchbestände im Land. Die Rettung für manche Kostbarkeit.