Frau Wille, Sie twittern ja gar nicht. Halten Sie nichts von diesem ganzen Internet-Gedöns?

Es muss nicht jeder bei Twitter und auf anderen Plattformen selbst aktiv sein. Aber ich bin natürlich im Internet unterwegs, schon früh am Morgen und ehrlich gesagt auch nachts. Ich habe alle wichtigen Nachrichten- und Branchen-Apps heruntergeladen.

Solche Apps bieten auch die öffentlich-rechtlichen Anstalten. Warum müssen die eigentlich im Internet Zeitungstexte veröffentlichen?

Eine Zeitung im Netz werden Sie bei uns nicht finden. Im Internet entwickelt sich eine eigene Mediengattung: Audios, Videos, Textteile, Grafiken, interaktive Gestaltungsmittel wachsen in der konvergenten Welt zusammen.

Sachsen-Anhalts Medienminister Rainer Robra hat der „Mitteldeutschen Zeitung“ gesagt: „Die Aufgabe eines Fernsehjournalisten ist es, Fernsehen zu machen – nicht Texte.“ Was ist falsch daran?

So wie die Verleger im Netz auch Videos anbieten, gehören bei uns auch Texte dazu, für die es allerdings rechtliche Vorgaben gibt. Vor allem mobile Nutzer wollen Nachrichten auch als Text, das haben neueste Befragungen ergeben. Wir machen das nicht als Selbstzweck, sondern weil die Nutzer das wollen. Bei den meisten unserer Beiträge im Netz handelt es sich um audiovisuelle Inhalte. Die neue ARD-Audiothek ist dafür das beste Beispiel.

Sind dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk Radio und Fernsehen nicht genug?

Meinungs- und Willensbildung findet nicht mehr allein in Radio, Fernsehen und Zeitung statt. Die Internetwelt entwickelt neue Kommunikationsräume. Dort wird manipuliert und informiert. Die öffentlich-rechtlichen Redaktionen sind politisch und wirtschaftlich unabhängig. Mit unseren strukturellen und finanziellen Voraussetzungen können wir auch online ein verlässliches, vielfältiges Angebot schaffen – das ist seit einigen Jahren unser gesetzlicher Auftrag: auch online für alle da zu sein und Orientierung zu bieten. Der Spagat für uns ist, in dieser Welt unterwegs zu sein, ohne Radio und Fernsehen aufzugeben.

Sie wollen für Ihr Online-Angebot eine Erweiterung der gesetzlichen Möglichkeiten. Was fordern Sie?

Ein Problem haben wir beispielsweise mit der Verweildauer. Unsere Nutzer verstehen nicht, dass wir Videos und Audios zu Sportveranstaltungen nach 24 Stunden aus der Mediathek nehmen müssen. Das haben wir zuletzt durch viele Proteste bei den Olympischen Spielen gemerkt. Auch für gekaufte Filme und Serien gibt es Restriktionen, die ich nicht zeitgemäß finde. Der Unmut der Nutzer ist mittlerweile auch bei der Politik angekommen. Verbände und Organisationen verlangen eine zeitgemäße Regelung.

Die Ministerpräsidenten sind sich einig, dass die Sparvorschläge der Anstalten nicht ausreichen. Legen Sie nach?

Ministerpräsidentin Dreyer als Vorsitzende der Rundfunkkommission hat davon gesprochen, dass sich der Beitrag auch in Zukunft in einem akzeptablen Rahmen halten muss. In den nächsten Schritten geht es darum, dass die KEF sich unser Papier über die größte Reform der ARD-Geschichte im Detail anschaut und bewertet. Der crossmediale Umbau der ARD wird viele Jahre in Anspruch nehmen. Auf dem Weg zu einem strukturell integrierten föderalen Medienverbund werden noch weitere Effizienzmaßnahmen zu entdecken sein.

Das fordern sehr viele Ministerpräsidenten.

Es gibt unterschiedliche Auffassungen bei den Ländern. Wir haben 20 Projekte auf den Tisch gelegt, die uns über Jahre sehr fordern werden, teils zusammen mit ZDF und Deutschlandradio. Zwei Beispiele: In einer großen Verwaltungsreform werden wir für alle neun ARD-Anstalten gemeinsam ein IT-gestütztes System für alle Geschäftsprozesse entwickeln. Wir etablieren auch ein neues Mediendatensystem für Fernsehen, Radio und Netzwelt, damit alle Häuser auf alle Inhalte zugreifen können.

Nach internen Berechnungen der Rundfunkkommission tut sich ab 2021 dennoch eine Lücke von 2,1 Milliarden Euro auf.

Das kann man jetzt seriös noch nicht sagen. Der Beitrag bleibt auf alle Fälle bis Ende 2020 unverändert bei 17,50 Euro. ARD und Deutschlandradio melden 2019 ihren Finanzbedarf bei der unabhängigen Kommission KEF an. Die prüft sie und gibt eine Empfehlung an die Länder ab. Wir wissen, dass die Beitragsakzeptanz wichtig ist und haben die Zeichen der Zeit verstanden.

Seit der Umstellung auf die Haushaltsabgabe haben Sie höhere Einnahmen, aber zugleich jede Menge wütender Beitragszahler. Wird der Systemwechsel zum Problem für die Öffentlich-Rechtlichen?

Der Umstieg war eine richtige Weichenstellung. Niemand muss mehr nachweisen, welche und wie viele Geräte er im Haus hat. Es gab früher viele Schwarzseher, die sich auf Kosten der anderen bereichert haben. Das neue Modell steht für mehr Gerechtigkeit. Es stimmt, dass Einzelne laut geworden sind. Aber die weitaus überwiegende Mehrheit vertraut uns seit Jahren und schätzt unser Angebot. Wir müssen den Nutzern deshalb immer wieder verdeutlichen, dass öffentlich-rechtlicher Rundfunk unser aller gemeinsames Gut ist. Deshalb stärken wir den Dialog mit ihnen. Unser jüngstes Beispiel dafür ist unsere länderweite Aktion „Werden Sie Programmmacher“, die beim Publikum große Resonanz findet.