Berlin - Stephan Lamby hat umfangreiche Dokumentationen gedreht über u.a. Fidel Castro, Joschka Fischer, Henry Kissinger Helmut Kohl und Angela Merkel. „Der Domino-Effekt – Kippt der Euro“ hieß ein Film, der 2012 ausgestrahlt wurde. Er hat mehr als ein Dutzend Auszeichnungen und Preise bekommen. Dass ich seinen neuesten Dokumentarfilm „Die nervöse Republik“ (er wird am 19. April in der ARD ausgestrahlt werden)  langweilig fand, muss an mir liegen.

Lamby erklärt, er habe zeigen wollen, wie nervös, ja manchmal fast schon hysterisch, Medien und Politik auf die großen Veränderungen durch Globalisierung und Digitalisierung reagieren.

Die zeigt der Film nicht, davon spricht er nicht einmal. Stattdessen zeigt er neunzig Minuten lang hektische Politiker und Journalisten beim Kampf um Aufmerksamkeit, Einschaltquoten und Reichweiten.

„Die andere Seite kommt nicht vor“

Als der Film am Mittwoch im Kino Babylon am Berliner Rosa-Luxemburg-Platz vorgeführt wurde, erklärte in der anschließenden Diskussion Katarina Barley, die Generalsekretärin der SPD, der Film zeige eine Seite, aber die andere, die mühsame Erarbeitung von Gesetzesvorlagen und die Nerven aufreibende, sich über lange Zeit hinziehende Anstrengung ihrer Realisierung, „die es ja auch gibt, kommen nicht vor.“

Lamby sagt ganz richtig, dass alles in Bewegung geraten, dass nichts mehr sicher sei – kein Arbeitsplatz, keine Ausbildung, keine Investition. Aber auch davon ist im Film keine Rede. Politiker und Journalisten kommen zu Wort. Die anderen höchstens mal als Randalierer der AfD-Klientel.  So kann man kein Bild der „Nervösen Republik“ malen, geschweige denn sich auf die Suche nach den Ursachen machen. Lamby hat sein Thema um Lichtjahre verfehlt. Nervös ist die Republik nicht, weil ihre Repräsentanten nervös sind. Aber hören wir auf von dem Film zu sprechen.

Auf dem von Anne Will moderierten Podium saßen einige der Protagonisten des Films: Die Journalisten Klaus Brinkbäumer, Chefredakteur des Spiegel und Julian Reichelt, Vorsitzender der Chefredaktionen und Chefredakteur Digital von Bild, die Politiker Katarina Barley, Generalsekretärin der SPD, Frauke Petry, Vorsitzende der AfD, CDU-Generalsekretär Peter Tauber und die Fraktionschefin der Linken im Bundestag Sahra Wagenknecht.

Mitleid mit Frauke Petry

Man konnte Mitleid haben mit Frauke Petry. Sie schien kein richtiges Wort sagen zu können. Kein Satz von ihr, der nicht von den anderen verrissen wurde. Am Anfang wehrte sie sich. Dann konnte man den Eindruck haben, sie habe es satt, ja sie schaffe es nicht mehr, sie wolle es nicht mehr schaffen.  Der Tagespiegel meldet, sie erwäge einen Rückzug aus der Politik.

Davon war am Mittwochabend nicht die Rede, aber man konnte eine gewisse Müdigkeit  spüren. Vor allem als ihr Katarina Barley sagte, Journalisten schrieben nun mal, was sie wollten, das müsse man hinnehmen und es bringe gar nichts sie von irgendwelchen Veranstaltungen auszuschließen wie ein trotziges Kind einen Klassenkameraden nicht zum Kindergeburtstag einlade.

Alle Politiker lieben zu soziale Medien

In einem allerdings waren sich alle Politiker einig. Sie lieben die sozialen Medien, weil über die ihre Botschaften „ungefiltert“ ihre Adressaten erreichen. Klaus Brinkbäumer betonte dagegen die Rolle von Recherche und langfristiger Arbeit der Journalisten, die genau darin ihre kritische Funktion erfüllten.

Der Star des Films war Innenminister Thomas de Maizière. Als er in eine riesige Haribo-Box griff und sich ein paar Lakritzstücke herausholte, lachte der Saal und als er erklärte, Journalisten verhielten sich Kritik gegenüber deutlich mimosenhafter als Politiker, da bekam er Applaus.

Bild-Chef als Star des Podiums

Star des Podiums war Bild-Chef Julian Reichelt. Er erinnerte an die Nähe von Politik und Journalismus in der Hauptstadt. Sie sitzen zusammen im Borchardt und reden über die Leute, die einfach nicht begreifen wollen, wie kompliziert Politik ist. „Oder sehen Sie sich mal den Film so an: Das sind doch dieselben Möbel in den Büros der Politiker wie in den Zeitungsredaktionen!“ Er erinnerte auch  an die Limousinen, in denen Politiker und Chefredakteure  zu ihren Terminen gefahren werden. Ihnen werden die Türen geöffnet. Wem sonst passiert das schon von den Leuten da draußen?

Gar nicht zu reden von den schicken Anzügen. Das verkniff sich Reichelt. Hätte er das gesagt, hätte er sich in seinen roten Schrubbelsocken zu braunen Schuhen und einer Blue Jeans gleich herausgenommen. Für so etwas ist Reichelt zu intelligent.  Er las  aus dem neusten Blog des ehemaligen Bild-Kollegen und jetzigem AfD-Mitglied Nicolaus Fest vor, in dem der schreibt: „Wir riefen Gastarbeiter, bekamen aber Gesindel.“  Jetzt wäre doch, meinte Reichelt, eine schöne  Gelegenheit für Frau Petry, sich von solchen Reden zu distanzieren. Die wollte zu einer längeren Erklärung anheben. „Gesindel?!“, beharrte Reichelt. Beim dritten Mal knickte Frauke Petry ein, winkte ab und meinte ’Gesindel’ sei nicht ihre Sprache.