ARD-Doku „Verräterkinder“: Wenn die Eltern Spione waren

Wenn zum 20. Juli alljährlich der Widerstand gegen Hitler gewürdigt wird, dann sind die Kinder der Attentäter heute begehrte Gesprächspartner. So befragt das ZDF für seine Doku „Die Kinder des 20. Juli“ den Enkelsohn Carl Coerdelers, den Sohn des Berliner Stadtkommandanten Paul von Hase und eine Tochter von Caesar von Hofacker. Doch das private Fazit fällt durchweg bitter aus: Für die Familien hat sich der heldenhafte Einsatz der Väter nicht gelohnt.

Die ARD-Dokumentation lässt den langen Weg zur Anerkennung schon im Titel anklingen: In der Bundesrepublik wurden die Nachfahren der Widerstandskämpfer jahrzehntelang als „Verräterkinder“ behandelt.

Der Autor Christian Weisenborn kann aus eigener Erfahrung sprechen. Sein Vater, der Dramatiker Günther Weisenborn, wurde als Mitglied der „Roten Kapelle“ verhaftet und mit einem Todesurteil bedroht. Er überlebte nur dank der Solidarität seiner Mitstreiter. Dem nach dem Krieg geborenen Sohn fiel schnell auf, dass die Öffentlichkeit ein seltsames Bild seiner Eltern zeichnete. Oft fragte er sich: Waren meine Eltern wirklich Spione? Noch 1968 saß das Hamburger Nachrichtenmagazin Der Spiegel in einer zehnteiligen Serie den Lügen der Gestapo auf und wiederholte deren Propagandaerfindung, die „Rote Kapelle“ sei ein von Moskau angeleiteter Spionagering gewesen. Sein früh verstorbener Vater verfehlte sein Lebensziel – die Rehabilitierung der „Roten Kapelle“. Erst 2009 hob der Deutsche Bundestag die Todesurteile wegen Kriegsverrats auf.

Ein Gefühl des Verlassenseins

Bei der Präsentation des Films betonte Christian Weisenborn, dass er seine eigene Geschichte eigentlich gar nicht thematisieren wollte, er sich aber von den Redakteuren von HR, NDR und RBB habe überzeugen lassen. Doch gerade die privaten Schmalfilm-Aufnahmen aus dem großen Freundeskreis rings um die Weisenborns, Harnacks, Schulze-Boysens führen schmerzlich vor, welche Lebensfreude in dieser bunt gemischten Gruppe steckte, wie stark sie am Leben hingen. Zugleich zeigt der Film, wie viele Gemeinsamkeiten es zwischen den Männer und Frauen der „Roten Kapelle“ und den Attentätern des 20. Juli gab.

Für Alfred von Hofacker, den Sohn von Caesar von Hofacker, war die gemeinsame Aufarbeitung dieser beiden Oppositions-Zirkel die Bedingung für seine Mitwirkung am Film. Die Kinder waren schon zu Kriegszeiten vereint: Das Hitlerregime holte die Kinder beider Widerstandsbewegungen in einem Heim im Harz zusammen, verbot ihnen aber, sich über ihre Herkunft auszutauschen. Was mit ihren Müttern und Vätern passiert war, wussten sie nicht. Auch in der Nachkriegszeit machten alle Kinder ähnliche Erfahrungen: In der Öffentlichkeit, etwa in der Schule, wurden sie ausgegrenzt, im Privaten herrschte ein Gefühl des Verlassenseins.

Hans Coppi junior, der 1942 im Frauengefängnis zur Welt kam, wurde in der DDR dagegen zum „Heldenkind“ gemacht: Nach seinen Eltern, Hans und Hilde Coppi, die beide aus der kommunistischen Jugendbewegung kamen und in Plötzensee starben, wurden bald Schulen, Straßen und Kinderheime benannt. Bezeichnenderweise baute auch die DDR-Propaganda auf jene Nazi-Lügen, die die „Rote Kapelle“ als straff organisierten Spionagering dargestellt hatte, und machte sie zu Helden eines Defa-Films. Dabei fand Hans Coppi Junior später heraus, dass nur ein einziger Testfunkspruch je in Moskau angekommen war.

Das Gefühl der Zerrissenheit bestimmte auch die Jugend von Saskia von Brockdorff in der DDR. Lange verstand sie nicht, warum ihre Mutter sie verlassen hatte, als sie gerade mal fünf Jahre alt war. Hitler hatte persönlich auf einem Todesurteil gegen Erika von Brockdorff bestanden. Sie brach aus dem DDR-Lebenslauf durch die Heirat mit einem Peruaner aus, kam nach Westberlin zurück – und erhielt erst im Alter von 68 Jahren den Abschiedsbrief der Mutter ausgehändigt, der in einem DDR-Archiv zurückgehalten worden war. Im Film trägt sie die bewegenden Zeilen vor und resümiert bitter: „Hätte ich den Brief als Jugendliche bekommen, wäre mein ganzes Leben anders verlaufen.“

Verräterkinder, Montag, 23.20 Uhr, ARD

Die Kinder des 20. Juli,20. Juli, 23.25 Uhr, ZDF