Hans-Joachim Kulenkampff war ein Entertainer des westdeutschen Fernsehens, mit Ausstrahlung bis in die DDR. Seine Quiz-Show „Einer wird gewinnen“, sonnabends in der ARD von 1964 mit Unterbrechungen bis 1987, zog ein riesiges Publikum an.

Wenn nun in der ARD zu einer für Dokumentationen luxuriös frühen Zeit ein 90-Minuten-Film unter dem Titel „Kulenkampffs Schuhe“ angekündigt ist, sollte man erwarten, es ginge um diesen Showmaster. Doch die Regisseurin Regina Schilling erzählt vielmehr eine Geschichte der Männer der jungen Bundesrepublik.

Der Geist der Zeit

Ausgehend von Kulenkampffs Aussage, er habe sich im Krieg vier erfrorene Zehen selbst amputiert, schaut Schilling ihm und seinen Zeitgenossen auf die Füße. Welchen Weg ist der 1921 in Bremen geborene Fernsehunterhalter gegangen? Und wie wurde der Vater der Regisseurin, mit dem sie im Wohnzimmer die Sendungen schaute, zu dem, der er war? Kulenkampff zog mit der Wehrmacht in die Sowjetunion, Schillings Vater, 1925 geboren, meldete sich freiwillig zum Kriegsdienst. Was hat er gesehen, getan? Er habe nie über diese Zeit gesprochen, sagte die Mutter der Filmemacherin.

Stück für Stück arbeitet sie sich durch den Geist der Zeit. Fotos zeigen ihre Eltern in der eigenen Drogerie, die im Wirtschaftswunder wuchs und mit der freien Marktwirtschaft ins Straucheln kam. Zwischen Super-8-Filmschnipseln der Familie stehen Ausschnitte aus „Einer wird gewinnen“ und Szenen aus einem Fernsehfilm mit dem „Derrick“-Star Horst Tappert. Der spielte 1970 einen Drogisten, und so wie sich die Bilder ähneln, wird nochmals deutlich, wie allgemeingültig Schillings Spurensuche ist. Tappert, stellte sich später heraus, war bei der Waffen-SS. Der Fernsehproduzent Martin Jente, der den Butler in Kulenkampffs Show mimte, war SS-Hauptscharführer.

Ein eindrückliches Bild der frühen Jahre der Bundesrepublik

Ein anderer Fernsehheld jener Zeit, Hans Rosenthal, dessen Quiz-Show „Dalli Dalli“ 1971 zum ersten Mal auf Sendung ging, kam aus einer jüdischen Familie. Im selben Jahr geboren wie Regina Schillings Vater, erlebte er ab 1934 Ausgrenzung und Verbote. Die Demütigungen beschleunigten den frühen Tod der Eltern, sein Bruder wurde nach Riga deportiert und ermordet, er überlebte die letzten zwei Jahre von Hitlers Herrschaft im Versteck. Den Termin seiner 75. Sendung zu verlegen, gestattete man ihm nicht. Es war der 9. November 1978, 45 Jahre nach der Pogromnacht. Rosenthal trug Schwarz.

Durch die Folie der Unterhaltung zeichnet der Film ein eindrückliches Bild der frühen Jahre der Bundesrepublik. Als eine Protestwelle Ende der 60er-Jahre das Land durchzog, witzelte Hans-Joachim Kulenkampff in einer Talkshow über die Hippies. Seine Frau indes sagte, sie empfinde Sympathie für jene, die aufbegehrten.

Kulenkampffs Schuhe, 8.08.2018, 22.30 Uhr, ARD