Blick auf das Wasser, das Demmin umschließt.
Foto: RBB

DemminAn den Gestank erinnern sich die ältesten Demminer bis heute: Tagelang mischten sich die Schwaden der abgebrannten Altstadt mit süßlichem Verwesungsgeruch Hunderter Leichen. Ende April 1945 hatte die abrückende Wehrmacht alle Brücken rings um die von Wasser umgebene Stadt gesprengt. Die Rote Armee konnte nicht   vorrücken, die Bewohner konnten nicht fliehen.

Rotarmisten wurden von fanatisierten Nazis weiter angegriffen – die provozierten Soldaten steckten die Stadt an, plünderten, vergewaltigten. Hunderte Frauen brachten sich mit ihren Kindern um, die meisten gingen in die Peene und in die Tollense. Die Massenpanik forderte an die tausend Opfer – Demmin hatte bei Kriegsausbruch nur 15.000 Einwohner.  

Trauermarsch von NPD-Funktionären

Autor Martin Farkas hat sich mehrere Jahre Zeit genommen, um die Nachwirkungen des Dramas aufzuspüren, das die Stadt bis heute teilt. Zu DDR-Zeiten waren Kriegsverbrechen der Roten Armee offiziell tabu – und auch privat verdrängt. Seit 2006 zieht am 8. Mai ein von NPD-Funktionären organisierter Trauermarsch durch die Stadt, lautstark begleitet von deutlich mehr Gegendemonstranten und mehreren Hundertschaften Polizei.

Dieses Ritual ergibt den roten Faden des anderthalbstündigen Films: Er beginnt mit der Anreise von Marschierern, Gegendemonstranten und Polizisten und endet mit einer Kranzniederlegung an der Peene. Die immer wieder einmontierten Skizzen aus dem Stadtbild sprechen Bände: Das Zentrum wirkt öde, leere Plätze wechseln mit Plattenbauten, so als hätte die Stadt bis heute keine gemeinsame Mitte gefunden.

Marsch als Propaganda-Aktion gegen links

In den Gesprächen mit Alteingesessenen muss Farkas einen weiten Weg gehen, bis er Verdrängungen und Verweigerungen auflösen kann und schließlich fast nebenbei erfährt, wie sich die heute 80-Jährigen als Kinder gegen die Selbstmordpläne ihrer Eltern wehrten, wie sie den Tod von Nachbarn, Freunden und Verwandten miterlebten.

Auch jüngere Demminer geben sich nicht gleich zu erkennen: Ein jüngeres Paar wehrt sich dagegen, als Nazis abgestempelt zu werden, erklärt dann aber, es sei immer nur das „linke Pack“, das Stress mache und verboten gehöre. Selbst der Trauermarsch wird nicht gleich verurteilt – natürlich darf um alle Opfer getrauert werden.

Erst zum Schluss entpuppt sich der Marsch als Propaganda-Aktion: Brandredner feiern den Widerstand der Wehrmacht gegen die „roten Horden“ aus dem Osten. Dabei hat jene Wehrmacht das Drama von Demmin verursacht. Der Zuschauer muss sich aus den Mosaikteilen sein eigenes Bild zusammensetzen, was Geduld erfordert, aber umso nachdrücklicher ist. Schade, dass die ARD so wenige Sendeplätze für den Dokumentarfilm bereit hält – nächsten Mittwoch talkt zur Sendezeit schon wieder Sandra Maischberger.

Über Leben in Demmin Mi, 22.45, ARD