Der Papst-Experte Andreas Englisch hat schon einige Bestseller über den Vatikan geschrieben und in jeder Talkshow gastiert. Jahrelang hatte er Johannes Paul II. begleitet. Eine Frage aber konnte er sich nicht beantworten: Wie wurde eigentlich in der DDR auf den Papst aus Polen reagiert? Mit dem Kollegen Jan Peter, der schon Filme über den Vatikan im Mittelalter gedreht hatte, ging er auf die Suche.

Peter, in Merseburg aufgewachsen, war in den 1980er-Jahren als Mitglied der Jungen Gemeinde zur DDR-Opposition gestoßen, doch ihr Vorbild waren damals die Befreiungstheologen in Lateinamerika, erinnert sich Peter bei der Vorstellung seiner ARD-Doku: „Der konservative Papst war ein Gegner für uns.“ Mit dem Film „Geheimauftrag Pontifex“ unternimmt er eine Annäherung an die ambivalente Figur Karol Wojtyla.

Die DDR-Führung war jedenfalls aufgeschreckt durch die Wahl eines Polen zum Papst. Als 1979 Johannes Paul II. das Bruderland besuchte, versuchten Mielke und Co, Reisen nach Polen zu unterbinden. Das MfS installierte später sogar eine Operativgruppe in Warschau, die eigene Spitzel führte. Als „Panik“ beschreibt ein Mitarbeiter in der Doku diese Maßnahme.

Der Mann wird mit Perücke und Bart unkenntlich gemacht – er bleibt im Film der einzige Ex-Geheimdienstler, der sich versteckt. Ansonsten belegen die Interviewten, wie stark der Papst aus Polen im Visier aller Geheimdienste stand. Die Spanne reicht vom polnischen Agenten, der dem Papst als Jesuit nahe kam, bis zu einstigen CIA-Leuten.

Katholische Kirche unterhält weltweites Informantennetz

Dabei zeigt die ARD-Doku zunächst auf, warum der Vatikan generell so interessant für Geheimdienste ist: Die streng zentralistische katholische Kirche unterhält selbst ein weltweites Informantennetz. Jeder dritte Journalist am Vatikan sei bis heute ein Spion, vermutet ein Insider im Film. In den 1980ern stand Johannes Paul II. als strikter Antikommunist mitten im Ost-West-Konflikt. Jan Peter betont bei der Filmvorstellung, dass ihn die Intensität der Kontakte zwischen Papst und CIA überrascht habe.

Andreas Englisch verweist darauf, dass der Papst das Gut-Böse-Schema von US-Präsident Reagan geteilt habe. Die Auseinandersetzung der Geheimdienste um den Papst kulminierte im Attentat 1981: Bis heute wird über die Hintergründe der Schüsse des Türken Ali Agca gestritten. Der Attentäter, zuvor als Mitglied der nationalistischen Grauen Wölfe aufgefallen, brachte immer neue Versionen über seine Hintermänner im Umlauf. Ein Ex-CIA-Mann sagt, dass er ausgestiegen sei, weil seine Firma die Infos, die eine Schuld der östlichen Geheimdienste belegten, selbst in Umlauf gebracht hatte. Ein Stasi-Forscher zeigt auf, wie das MfS verdächtigten Kollegen aus Bulgarien beistand.

Andreas Englisch, der erst 1987 nach Rom kam, aber das Gefühl vermittelt, er sei leibhaftig dabei gewesen, ist überzeugt: „Hinter dem Attentat steckten die Sowjets.“ Belegen kann er es nicht. Jan Peter glaubt: „Da steckten alle Geheimdienste mit drin.“ Der Zuschauer muss sich im Gestrüpp der Mutmaßungen, Unterstellungen und Lügen mühsam seinen Weg bahnen. Klar wird nur, dass die Behauptung des päpstlichen Privatsekretärs Stanislaw Dziwisz, der Papst habe die polnische Opposition nie mit Geld, sondern nur mit seinem Glauben unterstützt, ein frommes Märchen ist.

Geheimauftrag Pontifex – Der Vatikan im Kalten Krieg: 14. 12. , 22.45, ARD.