Das Familienoberhaupt Abu Osama im Kreise seiner Söhne.
Foto: SWR/BASIS Berlin Filmproduktion

BerlinDie Jungs im nordsyrischen Dorf spielen nicht nur Fußball. Genauso spielerisch trainieren sie das Anschleichen, den Sprung über Hindernisse und das Abrollen. Als sie eine selbstgebaute Plastikflaschenbombe zur Explosion bringen, freuen sie sich, als hätten sie ein Tor geschossen. Begegnen die kriegerischen Jungs mal Mädchen, dann bewerfen sie sie mit Steinen. Zur selben Zeit werden dreihundert Kilometer weiter südlich Kinder blutüberströmt in ein unterirdisches Krankenhaus gebracht, schwer verletzt durch Bombensplitter. Das Krankenhaus in Ost-Ghouta wird von einer jungen Kinderärztin geleitet, die selbst im größten Chaos den Überblick behält. Die ARD zeigt zwei sehr besondere Dokumentationen über den Krieg in Syrien. Sowohl „Kinder des Kalifats“ als auch „Klinik im Untergrund“ wurden weltweit auf Festivals beachtet und ausgezeichnet, beide waren für den Oscar nominiert. Die ARD hat beide Filme koproduziert, und ihre Ausstrahlung im Abstand von nur einer Woche gibt dem Zuschauer die Chance, etwas über die Kontraste dieses Kriegs in einem ebenso zerrissenen wie zerstörten Land zu erfahren.

„Kinder des Kalifats“ wird in einem fast unwirklich ruhigen Ton erzählt. Der nach Berlin emigrierte Filmemacher Talal Derki, der als Kind gelernt hatte, dass man Albträume aufschreiben müsse, um sie zu vergessen, kehrte unter einer Legende nach Syrien zurück. Er gab sich als lernwilliger Salafist aus und durfte fast 300 Tage lang die Familie eines lokalen Islamistenführers begleiten, die zu Drehzeiten 2018 in einem Dorf bei Idlib lebte. Der Originaltitel „Of Fathers And Sons“ deutet zugleich die Stellung der Frauen an: Über sie reden Väter und Söhne nur in herablassendem Ton – zu sehen sind sie nie. Vater Abu Osama hat auch seine Söhne nach Al-Kaida-Führern benannt, verwehrt ihnen den Schulbesuch und traktiert sie stattdessen mit seinem Koran-Unterricht. Das Training für den Heiligen Krieg leiten Al-Kaida-Söldner an, die selbst Zwölfjährige in Uniformen stecken und im Staub wälzen lassen. Talal Derki gelingt es, nah bei den Jungs zu bleiben. So erfährt er nicht nur von ihrer Rohheit, etwa als sie einen gefangenen Spatzen köpfen – so wie es ihr Vater mit einem Feind getan hatte. Gleichzeitig bleiben sie Kinder, die im Trainingscamp gern mehr Marmelade essen würden. Schwer erträglich bleiben die fanatischen Tiraden ihres Vaters über alle ungläubigen „Schweine“. Mitunter wirken seine Beschwörungen schon grotesk, etwa, als er sich beim Minenräumen einen Fuß absprengt und Allah dafür dankt, dass es nur der linke ist. Im Presseheft erfährt man, dass dieser Abu Osama im Herbst 2018 von einer Autobombe getötet wurde – solche Informationen hätte die ARD im Abspann nachliefern können. Bei beiden Dokus muss der Zuschauer die Hintergründe im Netz suchen. Doch was aus den Jungs wie Osama und Ayman inzwischen geworden ist, das beschäftigt einen noch lange: Können sie aus dieser Indoktrination herausfinden, oder haben sie sich weiter radikalisiert?

Der Film „The Cave“ steckt voller Dramatik: Das eingeschlossene Gebiet nahe Damaskus, in dem sich sogenannte „Rebellen“ verschanzt haben, wird von den Truppen des syrischen Regimes bombardiert, ohne Rücksicht auf die Zivilbevölkerung. Selbst das unterirdische Krankenhaus ist vor dem Beschuss nicht sicher. Heldin des Films ist die gerade mal 30-jährige Kinderärztin Amani Ballour, die nicht nur Schwerverletzte versorgen muss, sondern auch noch von männlichen Patienten verbal attackiert wird. Filmemacher Feras Fayyad ist nicht nur bei den Notoperationen dabei, sondern fängt auch die raren Momente der Erholung ein, als die Kollegen zum Geburtstag ihrer Chefin eine kleine Party spendieren oder als der Operateur über sein Smartphone klassische Musik abspielt. Schließlich muss die Klinik geräumt werden – und eine Ärztin wie Amani Ballour, die hier immer wieder den Regierungschef Baschar Al-Assad verflucht, wird wohl während dessen Regentschaft nicht wieder in ihr Heimatland zurückkehren können.

Of Fathers And Sons/Kinder des Kalifats – Mi, 24.6., 22.45 Uhr, ARD

The Cave/Klinik im Untergrund – Mi, 1.7., 22.45 Uhr, ARD