Natürlich ist nicht alles in Ordnung. Aber die innere familiäre Unordnung verbergen Andreas (Mark Waschke) und Birgit (Silke Bodenbender) hinter der äußeren, makellosen Fassade ihres Stadtrandhäuschens fein säuberlich, wie man so sagt.

Wenn Andreas mal wieder von den demonstrativen Provokationen seiner pubertierenden Stieftochter Sarah genug hat, strampelt er seine Wut im Hobbykeller auf dem Trainingsrad ab. Aber nicht immer hat er sich so unter Kontrolle. Als Sarah ihrer Mutter eines Tages die Spuren seiner häuslichen Gewalt zeigt, ist Birgit entsetzt – und zieht als erstes die Vorhänge zu, damit die Nachbarn nicht sehen, was geschehen ist.

Das sollen kleinbürgerliche Strategien von gestern sein? Die Drehbuchautoren Christina Ebelt und Ingo Haeb haben mit Familientherapeuten gesprochen und ihre Filmfiguren aus verschiedenen zeitgenössischen Fallstudien zusammengestellt. Was allen zugrunde liegenden Fällen gemeinsam war: Wenn es in den Familien schwierig wurde, fingen sie an, sich von ihrer Umgebung abzukapseln. Freunde, Verwandte oder Lehrer sollen das eigene Scheitern nicht „auch noch“ mitkriegen.

Wenn dann der Druck im Kessel Patchwork-Familie weiter steigt, kann von außen niemand mehr regulierend eingreifen. Die Situation wird immer auswegloser, denn die Isolation schweißt intern die Beteiligten über alles Unglück noch fester zusammen. Wohin auch fliehen, wenn man zuvor alle Brücken abgerissen hat?

Sympathie für die Täter

Der Regisseurin Nicole Weegmann gelingt es auf beeindruckende Weise, zum einen den Strudel dieser Isolation sehr glaubhaft zu erzählen, aber den Zuschauer andererseits in diese klaustrophobische Situation doch hineinzuziehen. Denn zunächst ist die Sympathie bei denjenigen, die man später als Täter erkennt: Ist es nicht allzu verständlich, dass dem netten Stiefvater mal der Geduldsfaden reißt, wenn ihn die Göre noch und noch und noch provoziert?

Ist es nicht verständlich, dass die emotional völlig überforderte Birgit nach ihrem Hörsturz lieber autogenes Training macht, als sich den Schulproblemen ihrer Tochter zu stellen? Ist nicht nachvollziehbar, dass sie sich wünscht, nach einer ersten gescheiterten Beziehung sei nun endlich alles in Ordnung?

„Es ist alles in Ordnung“ ist ein extrem unbequemer Film. Er verlegt seine Geschichte weder in die sogenannten bildungsfernen Schichten noch in die besseren Kreise. Sondern hält denjenigen, die abends in ihren Reihenhäusern vor dem Fernseher sitzen, den Spiegel vor und stellt ungemütliche Fragen: Wie fragt man seine Nachbarin, woher die Tochter die vielen blauen Flecke hat? Und was fängt man an mit der lapidaren Antwort: Das ist beim Sport passiert?

Die Kameraarbeit von Ngo The Chau ist dem Thema zugewandt in alle Richtungen. Im Wortsinn macht das Fernsehbild oft die Umstände für das Handeln der Figuren verantwortlich. Da sind die distanzierten Aufnahmen der kühlen Eigenheimfassaden, in denen die Familie lebt sowie die Bilder des hermetischen Rathauses, in denen das Jugendamt über Andreas Adoptionswunsch entscheidet.

Diese Aufnahmen kontrastieren mit engen, intimen Bildausschnitten, mit denen der Zuschauer der weinenden Mutter, dem prügelnden Vater, der trotzigen Tochter bei ihrem zunehmend verzweifelten Tun zusieht. Mark Waschke und Silke Bodenbender spielen die Eltern so glaubwürdig, dass einem angst und bange wird. Am Ende liegt die Sympathie der Zuschauer auch deshalb bei den Freunden der Familie, die sich getraut haben, mit Lehrern zu sprechen, das Jugendamt zu kontaktieren, nicht mehr einfach so zu glauben, dass nebenan „alles in Ordnung“ ist.

Eine Sensation

So großartig Silke Bodenbender und Mark Waschke spielen, so hervorragend Ngo The Chau die Situation (Szenenbild Bettina Schmidt) zeigt, so stimmig Cutterin Andrea Mertens dem Film einen Rhythmus verleiht; Die Sensation ist Regisseurin Nicole Weegmann einmal mehr mit der Inszenierung der pubertierenden Hauptdarstellerin gelungen.

Vor ein paar Jahren hat Weegmann den noch jungen Ludwig Trepte in dem Amoklauf-Film „Ihr könnt euch niemals sicher sein“ eine großartige Bühne bereitet. Nun hat sie Sinje Irslinger entdeckt. Die Kölner Schülerin macht in diesem Jahr ihr Abitur und drehte den Film buchstäblich nach der Schule. Dass man ihrer Figur die Verletzung und die Aggression gleichermaßen abnimmt, zeigt ihr großes Talent – und natürlich die souveräne Handschrift der Regisseurin.

Es ist alles in Ordnung, Mittwoch, 15.01.2014, 20.15 Uhr, ARD