Der gemeine Seitensprung zählt im deutschen Fernsehfilm zu den bevorzugten Motiven, um ein Familiendrama zu eröffnen. Die anschließende Heimlichtuerei inklusive schlechtem Gewissen bieten eine solide Grundlage, um in der Folge alles sachte den Bach runtergehen zu lassen. Denn natürlich steht der Fremdgang für irgendwas, das nun dramatisch aufbrechen darf. Am Ende klärt sich meist das eine und das andere oft nicht, aber irgendwie muss es ja weitergehen.

Diese vielfach erprobte Konstellation erweitert Friedemann Fromm um einen Mord und macht daraus ein Familiendrama mit kriminellem Hintergrund. Dazu passt sehr schön, dass es ein frisch ernannter Oberstaatsanwalt ist, der sich nach der Beförderungsfeier noch schnell ins Bett einer Kollegin ziehen und fallen lässt.

Auf dem Heimweg beobachtet dieser Manuel Bacher (Felix Klare) den Streit eines Junkie-Pärchens und greift mit einiger Wucht ein. Am nächsten Morgen ist der Junkie tot, seine Freundin verschwunden, und die Ermittlungen leitet ausgerechnet die Bettgespielin von gestern Nacht.

Unklare Bilder

Und als wäre das alles nicht schon Drama genug, stellt Regisseur Fromm noch ein paar Hürden auf. Die ins Vertrauen gezogene Ehefrau Leonie (Lisa Wagner) ist schwanger, der unschuldig verhaftete Dealer erhängt sich in der Zelle, seine Freundin erpresst den Oberstaatsanwalt und nistet sich in dessen Haus ein. Ganz schön viel auf einmal.

Doch auch wenn der Film unter dieser Problemhäufung zu ächzen droht, zeichnet Drehbuchautor Norbert Ehry mit Sorgfalt und Stringenz den Erosionsprozess eines Mittelschichtspaares nach. Den transportieren auch die Aufnahmen von Kameramann Anton Klima, der für die Lebenswelt klare Perspektiven mit geradezu geometrischer Ästhetik findet und diese gegen die Eindrücke vom Rand der Gesellschaft schneidet. In diesem Prekariatsmilieu und in der Darstellung der Dealer-Freundin Joy (eine Entdeckung: Lili Zahavi) geraten die Bilder nun alles andere als klar und eindeutig.

Überhaupt sind es vor allem die Schauspieler, die diesen Film tragen und so besonders machen. Felix Klare gibt seinem Oberstaatsanwalt eine schöne Zerrissenheit, Lisa Wagner wandelt sich sehr glaubwürdig von der enttäuschten Ehefrau zur Besitzstandswahrerin um jeden Preis, und Julia Thurnau überzeugt als Staatsanwältin nicht nur mit Verführungs- und Fesselungskünsten. Und doch haben sie alle keine Chance gegen Lili Zahavi, die mit ihrer Unterschichts-Joy in das Leben und Haus der da oben kracht und ansonsten ihr eigenes Spiel spielt. Denn hier gibt es keinen, der ohne Schuld bleibt. Und wenn dem Film im letzten Drittel doch die Luft auszugehen droht, muss eben noch mal geschlagen und geschubst werden. Und dann ist es ja auch vorbei.

Oder eben nicht.

Momentversagen, Mittwoch, 22.10., 20.15 Uhr, ARD