Er hat fast sein gesamtes Leben unter falschem Namen und mit einem falschen Geburtsdatum gelebt – und er hat nicht vor, daran noch etwas zu ändern. Denn dieser falschen Identität verdankt er sein Leben. Der Filmregisseur Celino Bleiweiß, der in der DDR viele historische Stoffe verfilmte und Kinderfilme drehte, seit den 1980er-Jahren dann in der Bundesrepublik als Regisseur von TV-Serien erfolgreich war, war als Kind auf filmreife Weise gerettet worden. Der Junge aus dem galizischen Przemysl hatte den Holocaust nur überlebt, weil ihm ein fremder Mann den Pass seiner ermordeten Tochter Celina gegeben und sich als sein Vater ausgegeben hatte. Eine Cousine des Jungen schlüpfte in die Rolle der Mutter – ihr Leben lang. Das Trio überlebte mit viel Glück das KZ Bergen-Belsen, eine Zugodyssee im April 1945 und ließ sich dann im Osten Deutschland nieder.

Er habe seine Herkunft nie verschwiegen, erklärt Bleiweiß im Gespräch mit der Berliner Zeitung, aber nie Interesse daran gehabt, seine dramatische Rettung in einer Autobiographie oder in seinen Filmen selbst aufzuarbeiten. Obwohl es in der DDR viele interessante Angebote gegeben habe, Filme über die Nazizeit zu inszenieren, drehte er nach seinem Debüt „Das Spiel“ nur noch ein einziges Mal ein Werk zum Thema, den Kinderfilm „Mein blauer Vogel fliegt“. Ausschnitte aus beiden Filmen zeigt die ARD-Doku „Das geschenkte Leben“.

Die Regisseurin Dagmar Wittmers kannte die Rettungsgeschichte schon, als Celino Bleiweiß ihr Mentor an der Babelsberger Filmhochschule war und wusste immer, dass sie unbedingt erzählt werden sollte. Sie musste aber einige Überzeugungsarbeit leisten, um ihren früheren Lehrer vor die Kamera zu holen.

Eine Hommage an die zweiten Eltern

Die Reise in die Vergangenheit führt sie nach Bergen-Belsen, an Kindheitsorte in Brandenburg und Dresden, sowie nach Tel Aviv, wo Verwandte und die Lebensgefährtin von Bleiweiß heute leben. Seine Erinnerungen sind sehr lebendig, oft ungewöhnlich, etwa wenn er berichtet, dass er sich als Kind im KZ beschützt gefühlt habe und wie er sich mit anderen jungen Häftlingen über die Ventile von LKW-Reifen unterhielt − nicht aber über die Leichenberge. Bleiweiß erliegt nicht der Versuchung, das Geschehen mit dem heutigen Wissen zu erklären, sondern findet in die Perspektive des kleinen Jungen hinein, der schnell gelernt hatte, zu zwei fremden Menschen Mama und Papa zu sagen.

Besonders spannend ist schließlich die Reise nach Przemysl, wo der kleine Mechl Feiler, so Bleiweiß’ eigentlicher Name, mitsamt seiner Verwandtschaft im Ghetto aufwuchs, bevor er mit seinen Pflegeeltern ins KZ geschickt wurde, wo sie von den Nazis als „Austauschjuden“ bereit gehalten wurden. Dagmar Wittmers erinnert sich im Gespräch mit der Berliner Zeitung an die zwiespältigen Gefühle von Celino Bleiweiß, der einerseits die Orte noch einmal (und danach nie wieder) sehen wollte, andererseits sich auch innerlich dagegen wehrte.

„Mit der Verdrängung ging es mir besser“, betont er vor der Kamera. Diese Zerrissenheit macht den Film noch intensiver. Im Standesamt von Przemysl erfährt Bleiweiß auch, wann er in Wahrheit geboren wurde – dass er fast zwei Jahre älter ist als in seinem Pass. Doch er wird weiter seinen Geburtstag mit Celina teilen, jenem Mädchen, deren Pass er sein Leben verdankt. Das Filmporträt ist zugleich eine Hommage an die zweiten Eltern von Celino Bleiweiß, die alles auf sich nahmen, um einen kleinen Jungen zu retten, dafür ihr Leben lang zusammenlebten, ohne je ein Paar gewesen zu sein.

Das geschenkte Leben: Am 15. Dezember 2014 um23.30 Uhr, ARD