In einem Hotelzimmer in Thailand schlummern lauter junge schöne Frauen eng beieinander und erwachen langsam.

Gleichzeitig blickt, tausende Kilometer entfernt, in einer Reihenhaussiedlung im Prenzlauer Berg, ein Mann sehnsüchtig gen Himmel. Er wirkt verlassen – weder Frau noch Sohn, nicht mal der Hund scheinen ihn noch zu schätzen. Auch in der Firma wird er übergangen. Diese Ouvertüre zu einem Film „Herr Lenz reist in den Frühling“ weckt bestimmte Erwartungen. Soll der gebeutelte Berliner Versicherungsvertreter etwa mit einer jungen Thai-Frau seinen zweiten Frühling erleben?

Doch die Filme des eingespielten, mehrfach ausgezeichneten Gespanns Karl-Heinz Käfer (Buch) und Andreas Kleinert (Regie) sind bekannt dafür, dass sie Erwartungen unterlaufen. Kleinert der in den späten 80ern in Babelsberg Regie studiert und sich mit der Filmpoesie Tarkowskijs auseinander gesetzt hatte, fiel zunächst mit düsteren Filmen auf, wie „Wege in die Nacht“ mit Hilmar Thate. Dem deutschen Fernsehpublikum sind eher seine Filme mit Götz George ein Begriff. Obwohl Kleinert selbst zwei Schimanski-Krimis inszenierte, bedauert er, dass sich das Raubein-Image so stark über ihn legte: „Götz war sehr herzlich, zuverlässig und ehrlich, er zeigte manchmal eine nahezu kindlich reine Seele.“

Asche in der Flasche

Mit dem Götz-George-Drama „Mein Vater“ begann auch Kleinerts Zusammenarbeit mit Karl-Heinz Käfer, mit dessen Melancholie und Pessimismus er sich verbunden fühlt. Käfer kennt Thailand seit vielen Jahren und hatte die Idee, den Touristenort Pattaya zum Schauplatz zu machen. Andreas Kleinert hat sich schon mehrfach mit dem Vater-Sohn-Konflikt auseinander gesetzt, der ihren Lenz nach Thailand führt. Der bekommt von einem wildfremden Spanier eine Waschmittelflasche überreicht: Darin sei die Asche seines Vaters, der ihm ein Apartment in Pattaya vermacht habe. Der Kontakt war kurz nach der Wende abgebrochen: Der Vater, ein strammer Genosse, hatte die Wende in Deutschland nicht verwunden und war nach Fernost geflohen, der Sohn strebte seinem kleinbürgerlichen Traum entgegen. Kleinert hat ähnliche Konflikte mit seinem Vater ausgetragen, wenn auch nicht in dieser Schärfe. Im RBB-Kurzfilm für das Projekt „Mein Brandenburg“ zeigte er sich in einträchtig mit seinen Eltern auf der Datsche.

Die ARD-Tragikomödie führt zwei komplett gegensätzliche Schauplätze zusammen. Etwas schematisch wirkt die Zeichnung des Berliner Lebens von Herrn Lenz, gespielt von Ulrich Tukur: Reihenhaus und Lebensversicherung sind ja fast Synonyme für Spießigkeit. Andreas Kleinert erklärt, dass die Umstände schnell umrissen werden mussten, und er dabei gern auf Überhöhung setze. Das geschieht etwa beim krankhaften Sicherheitsbedürfnis des Holger Lenz. Das Haus sei schärfer gesichert als die Berliner Mauer, wirft ihm sarkastisch seine Gattin (Steffi Kühnert) zu. Ein weiteres Beispiel für die typisch Kleinert’sche Überhöhung ist die Zeichnung des Sohns (Simon Jensen): „Der ist nicht nur schwul, der zeigt es auch provokant!“

Der schärfstmögliche Kontrast zur Reihenhaussiedlung ist die Szenerie in Pattaya, deren Farbigkeit an ein Dauerfeuerwerk erinnert. Andreas Kleinert erklärt, dass er und sein Kameramann Johann Feindt hier nicht übertrieben, sondern sogar noch abgeschwächt haben: „Die Hauptstraße ist so laut und so übersexualisiert, das kann man keinem Zuschauer zumuten.“ Seinen Helden einfach pur ins reale Getümmel schicken, konnte er nicht: Für Dreharbeiten muss überall bezahlt werden. Er beobachtete Situationen sehr genau, um sie dann in Szene zu setzen. Eher am Rande zeigt er jene Konstellation, die hier für typisch thailändisch gilt: Ältere Männer kaufen sich junge Frauen.

Marlene-Dietrich-Disziplin

Doch als Herr Lenz die Mädchen im Apartment seines Vaters findet, wirft er sie hinaus – er will die Wohnung schnell verkaufen. Einer kommt er schließlich näher: Luck entpuppt sich als Ladyboy. Das Casting für diese Rolle sei kompliziert gewesen, erinnert sich Kleinert. Das Transgender-Model Chananchida Rungpetcharat überzeugte ihn mit Ausstrahlung und einer wahren „Marlene-Dietrich-Disziplin“.

Überraschend wirkt schon die Wahl seines Hauptdarstellers: Ulrich Tukur ist bislang selten als Loser zu sehen gewesen: „Mich reizt es, mit Brechungen zu besetzen.“ Kleinert beschreibt Tukur als unprätentiös und allürenfrei: „Als Herr Lenz sieht er ja nie richtig gut aus, hat immer hässliche oder verschwitze Kleidung an.“ Besonders arg zugesetzt wird ihm beim Wasserfest Songkran, das Andreas Kleinert mit seiner Crew voll miterlebt hat: „Da wird jeder ohne Hemmungen nass gespritzt, alle machen mit, und ständig wird man angefasst.“

Wie Herr Lenz dann in Thailand seinen Frühling erlebt, das birgt noch einige, oft komische Überraschungen. Das Komische im Tragischen finden, das sei seine Sehnsucht, betont Andreas Kleinert. Das ist ihm mit „Herr Lenz sucht den Frühling“ bestens gelungen. Der Held stürzt immer tiefer, um schließlich ganz oben zu stehen – aber ganz anders als erwartet.

Herr Lenz reist in den Frühling, Mittwoch, 20.07.2016, 20.15 Uhr, ARD