Als Ezequiel (Tyron Ricketts) nachts seinen neuen Job antreten will und nach der „Denkmalpflege“ fragt, ruft die Pförtnerin höhnisch: „Und ick bin Dornröschen!“ Vor Ort erfährt er, dass es um die Reinigung von denkmalgeschützten Pissiors geht. Seine neuen Kollegen Reynaldo (Komi Mizrajim Togbonou) und Jason (Nyamandi Adrian) begrüßen ihn fröhlich in der „Schwarzen Nachtbrigade“. Chef Reynaldo ist einst als kubanischer Vertragsarbeiter in die DDR gekommen, Jason hat einen Vater aus Ghana, Ezequiel hat die Liebe von Brasilien nach Berlin gezogen. Zunächst kracht es im Trio: Der Neue will nur als Fahrer arbeiten, schrubben sollen die anderen.

Diese Besetzung allein wirkt schon kühn genug zur ARD-Primetime. Denn nicht nur die drei von der Putzkolonne, sondern alle wesentlichen Rollen werden sehr überzeugend von Schwarzen gespielt – und alle dürfen ohne jeden Akzent reden. Damit passt „Herren“ in die aktuellen Diskussionen. Doch Produzent Sidney Martins brauchte einen langem Atem von über zehn Jahren, war auf der Suche nach einem Drehbuch über den Alltag von Afro-Deutschen auf die Vorlage „Gents“ gestoßen, die im London der 1980er-Jahre spielt. Autorin Stefanie Kremser verlegte die Handlung in die Jetztzeit und der Bayrische Rundfunk den Spielort nach Berlin.

„Herren“ gelingt das Kunststück, die Schwarzen Berliner ins Zentrum zu stellen, ohne anzuklagen, zu belehren oder zu moralisieren. Regisseur Dirk Kummer, zuletzt mit der originellen RBB-Serie „Warten auf’n Bus“ aufgefallen, gelingen ähnlich komische Szenen, wenn die „Schwarze Nachtbrigade“ beim Putzen über Frauen oder über Bio-Deutsche schwatzt und Wetten darüber abschließt, ob ein deutscher Punk an der roten Ampel stehen bleibt. Natürlich spielt auch Rassismus eine Rolle, mal plump in einem offenbar unvermeidlichen Nazi-Überfall vorgeführt, mal zur Diskussion gestellt von Ezequiel, der sich darüber aufregt, dass nur Schwarze die nächtliche Drecksarbeit machen müssen. Doch Reynaldo entgegnet wütend, dass er stolz auf seine Firma ist.

Konflikte einer Durchschnittsfamilie

Überhaupt zeigt der Film sehr unterschiedliche Strategien. Keine Figur bleibt in Stereotypen stecken, sondern hat ihre Stärken und Schwächen. Ezequiel, der sich für den besten Capoeira-Trainer Berlins hält, findet es rassistisch, dass der Sohn des Chefs und nicht er die Schule übernahm. Seine Frau Marta (Dalila Abdallah) hält ihm Selbstmitleid vor. Die Ehe wird weiter belastet, als Sohn Stevie (Pablo Grant) nicht, wie vom Vater gefordert, ein Studium, sondern eine Lehre als Friseur in einem Afrolook-Salon beginnt. Doch Ezequiel sieht hier nur schwule Clowns. Diese Konflikte könnten genauso gut in einer weißen Durchschnittsfamilie spielen – Tyron Ricketts Figur durchläuft eine typische Midlife-Krise.

Zum sommerlich leichten Berlin-Film trägt die eingängige Filmmusik von Johannes Repka bei, der auf entspannte Latino-Gitarren setzt. Witzige musikalische Zitate schiebt der Film auch Reynaldo unter: Er hört gern Schlager von Roberto Blanco, der wie er kubanische Eltern hat. Und als besonderen Beweis für seine Integration präsentiert er im Schrebergarten einen schwarzen Gartenzwerg.

Herren –  online in der Mediathek