Fernsehzuschauer sind schnelle Entscheidungen gewohnt. Nicht erst, seit der Ausgang von Unterhaltungsshows durch Telefonabstimmungen mitbestimmt werden kann, sondern schon seit der Einführung der Fernbedienung entscheiden die Zuschauer über ihr Programm intuitiv – nach bloßem Augenschein. Und die Statistik sagt: Die wenigsten sehen sich eine Sendung von Anfang bis Ende an. Sich binnen Minuten ein Urteil zu bilden, ohne das große Ganze gesehen zu haben, unterscheidet die Fernsehzuschauer von Theater- und Kinobesuchern.

Ernstfall für die Urteilskraft

Im Bühnenstück „Terror“ von Ferdinand von Schirach wird das Publikum am Anfang aufgefordert, „aus dem Inbegriff der Hauptverhandlung (zu) schöpfen“, sich also eine abschließende Meinung aufgrund der sogleich aufgeführten Inszenierung zu bilden.

Die Spielhandlung ist chronologisch und auf den Gerichtssaal begrenzt. Die Verhandlung beginnt mit der Verlesung der Anklage und endet mit den Plädoyers der Anwälte. Dazwischen werden komplexe Fragen verhandelt: Was wiegt schwerer: der Wert grundlegender Rechtsprinzipien oder eine pragmatische Zielorientierung? Oder in der Sprache des Stücks: Darf man 164 Menschen töten, um 70.000 zu retten?

Ganz absichtsvoll ist der Fall, der in den deutschen Theatern zum Bestseller wurde und den die ARD nun für das Fernsehen adaptiert hat, einerseits so dramatisch konstruiert wie es nur eine Fiktion kann, und anderseits so nah an der „echten“ Rechtsprechung des Bundesverfassungsgerichtes angelegt, wie es sich nur ein Volljurist ausdenken kann.

Fliegenden Zeitbombe?

Auf der Anklagebank sitzt der Luftwaffen-Major Lars Koch (Florian David Fitz). Er steuerte den Kampfjet und beobachtete befehlsgemäß eine von Terroristen entführte Passagiermaschine. Entgegen die Anweisung seiner Vorgesetzten schoss der Soldat eigenmächtig das Flugzeug ab, bevor es in ein volles Fußballstadion rasen konnte. Es ist der Ernstfall, den „Terror“ uns vor Augen führt. Nicht nur im Hinblick auf die mögliche Terrorgefahr, sondern auch in Bezug auf unsere Urteilskraft.

Darf ein Leben gegen viele andere aufgewogen werden? Müssen wir mit dem Betreten eines Flugzeuges hinnehmen, möglicherweise Teil einer fliegenden Zeitbombe zu werden und haben indirekt unser Einverständnis gegeben, schlimmstenfalls aufgrund einer Güterabwägung von Staats wegen getötet zu werden?

Aufgefordert, für das Nachrichtenmagazin Der Spiegel ein Essay über die Gefahren des Terrors und rechtsstaatliches Handeln zu schreiben, entschied sich Von Schirach für das Bühnenstück. Die Theaterbesucher dienen ihm als Resonanzboden für den „gesunden Menschenverstand“ und als das Stellvertretervolk, in dessen Namen die Gerichte ihre Urteile sprechen. Die Theatergänger stimmten am Ende ab.

Kritik von FDP-Politikern

Nach der Uraufführung meldeten sich die FDP-Politiker Gerhart Baum und Burkhard Hirsch kritisch zu Wort. Der Autor, so Hirsch in einem Zeitungsinterview, habe die Wirklichkeit verfälscht und die Zuschauer zu Richtern in einer Sache gemacht, die sie für die Wirklichkeit halten, ohne die eigentliche Konfliktlage erkennen zu können.

Wenn die Befragten zwischen der abstrakten Verfassungslogik und dem Schicksal des Piloten wählen müssen, entschieden sich meist mehr als 50 Prozent für einen Freispruch und damit gegen das Grundgesetz. Auch in einer Filmvorführung beim RBB, bei der 600 Besucher das „Volk“ bildeten, war das nicht anders.

Spannend also, ob das Fernsehpublikum, das höchstwahrscheinlich zum Teil erst in die laufende Verhandlung „hineinplatzt“, genauso entscheidet wie jene, die im Kino oder Theater die ganze Gerichtsverhandlung sahen. Was denkt, wer „nur“ die Plädoyers der Staatsanwältin (großartig: Martina Gedeck) und des Verteidigers (kongenial: Lars Eidinger) gesehen hat, nicht aber die Einlassung des Angeklagten? Was, wenn wir nicht das große Ganze kennen, sondern aufgrund eines Augenscheins urteilen? Anderseits: Ist das nicht immer so?

Die Debatte um „Terror“ ist durch die Fernsehadaption nicht mehr nur die Erörterung eines moralischen Dilemmas. Es geht nun auch um unsere Like-Mediendemokratie: Sind wir alle in der Lage – oder gar in der Pflicht? – über grundlegende Fragen zu befinden – und damit womöglich die Urteile des Verfassungsgerichtes zu überstimmen?

„Terror – Ihr Urteil“ denkt darüber nach und ändert die Dramaturgie des Abends ein wenig ab: Nach der Telefon und Internet-Abstimmung, für die lediglich zehn Minuten Bedenkzeit bleiben, eröffnet Frank Plasberg eine Ausgabe von „Hart aber fair“ zum Thema.

Lagerfeuer oder Lehranstalt

Für das öffentlich-rechtliche Fernsehen ist dieser Versuch, den Diskurs nicht nur anzustoßen, sondern auch zu organisieren, fast wichtiger als die Einschaltquote. Denn die Frage, wie viele Zuschauer sich nach der Abstimmung und der Auflösung des Gerichtsdramas überhaupt noch „Hart aber fair“ ansehen, ist quasi eine eigene Abstimmung.

Es geht dann um die Frage: Ist das Fernsehen eine moralbildende Lehranstalt oder ein unterhaltsames Krimi-Lagerfeuer? Die volksnahe, aber sachorientierte Diskursfähigkeit des Mediums wird der einzige Grund sein, warum wir den öffentlich-rechtlichen Rundfunk in Zukunft überhaupt noch brauchen und vollfinanzieren wollen. Seine Meinung äußern kann man im Internet schon heute besser.