Das Kommando heißt immer noch „Mann über Bord“. Über Bord gegangen ist an jenem 4. September 2008 jedoch eine junge Frau. Einen Tag vor ihrem 19. Geburtstag fiel die Offiziersanwärterin Jenny Böken bei einer Wache kurz vor Mitternacht über die vordere Reling der „Gorch Fock“. Erst elf Tage später wurde sie tot aus der Nordsee geborgen.

Es blieb nicht der letzte Todesfall auf dem Schulschiff der Marine: Zwei Jahre später stürzte eine Kadettin in Brasilien aus der Takelage. Über beide Fälle wurde groß berichtet.

Trauernde Eltern

Auslöser des ARD-Films aber war das Sachbuch „Unser Kind ist tot“ von Dona Kujcinski, das fragt, warum Eltern nie aufhören, um ihre Kinder zu trauern. Auch die Eltern von Jenny Böken haben sich nicht mit den Antworten der Bundeswehr zufriedengegeben, scheiterten aber vor Gericht mit ihren Entschädigungsansprüchen.

Marc Brasse, der verantwortliche Redakteur des Norddeutschen Rundfunks, betont, der Film frage nicht wie ein Staatsanwalt nach den Verantwortlichkeiten, sondern habe einen breiteren, auch emotionalen Zugang: Was ist mit Jenny Böken passiert? Und warum war sie überhaupt auf diesem Schiff?

Besonderer Zugang

Regisseur Raymond Levy, der schon mit seinen beiden TV-Dramen „Meine Tochter Anne Frank“ und „Letzte Ausfahrt Gera – Acht Stunden mit Beate Zschäpe“ einen besonderen Zugang zu realen Personen gefunden hatte, war die Geschichte anfangs „etwas unheimlich“, wie er sagt.

Er recherchierte zusammen mit seiner Frau Hannah Levy und Co-Autor Jan Lerch für die Dokumentation „Der Fall Gorch Fock“ zunächst die echte Geschichte der Jenny Böken, um sich dann in seiner Verfilmung „Tod einer Kadettin“ vom Vorbild zu lösen. Die Heldin heißt hier Lilly Borchert (Maria Dragus), das Segelschulschiff „Johann Kinau“. Besondere Passagen, etwa aus den Befragungen der Beteiligten, aber habe er wortwörtlich ins Drehbuch einfließen lassen. Gedreht wurde auf der polnischen Ostsee mit einheimischen Komparsen.

Gesundheitlich ungeeignet

„Tod einer Kadettin“ springt nach der stürmischen Einleitung zehn Monate zurück – da bewirbt sich die ehrgeizige, erfolgsgewohnte Lilly bei der Marine. Sie möchte als Ärztin in Krisengebieten helfen. Doch sie überspielt, dass sie gesundheitlich völlig untauglich ist: Ihr Kreislauf ist labil, ihre Fitness ungenügend. Auf See kommen psychische Probleme dazu. Dass sie überhaupt mit an Bord genommen wird, verdankt sie einer Art Frauenquote.

Die Marine will sich offener gegenüber weiblichen Bewerbern zeigen. Eine junge Frau, die unterwegs Geburtstag feiert, kann medial vorgezeigt werden. Der Radiojournalist Jörg Hafkemeyer war damals mit an Bord der „Gorch Fock“ und hat erlebt, wie sich die Marine erst ganz offen zeigte, nach dem Todesfall jedoch wenig auskunftsfreudig war.

Übereifer nervt

Die Stärken des Films liegen in der Entwicklung der Gruppendynamik an Bord. Lilly, die Übereifrige, die nervt, dann aber nicht mithalten kann, wird verspottet und gemobbt. Der unterschwellige Druck der Kameradinnen an Bord ist noch viel verletzender als die meist plumpen Sprüche der männlichen Kadetten.

Hier sucht der Film nicht nur nach fehlerhaften Sicherheitsvorschriften oder medizinischen Attesten, sondern fragt: Wie geht die Gesellschaft mit Außenseitern um, mit Menschen, die sich verrannt haben? Und wie viele überhören die Signale des eigenen Körpers, im Bestreben, ein Ziel unbedingt erreichen zu wollen?

Ambivalente Gefühle

Maria Dragus, die ab morgen auch im Kinofilm „Tiger Girls“ als Mädchen in Uniform zu sehen ist, spielt sehr eindringlich nicht einfach ein Opfer, sondern eine widersprüchliche, zerrissene Figur, die auch beim Zuschauer ambivalente Gefühle auslöst. Die junge Schauspielerin, die mit der Crew vor den Dreharbeiten drei Tage lang auf einem polnischen Schulschiff zum Eingewöhnen mitfuhr, findet eine prägnante Formel für ihre Lilly: „Sie ist einfach über sich drüber gegangen!“

Schwächen zeigt der Film aber immer dann, wenn er den „Tod einer Kadettin“ gegen Ende zum simplen Krimi machen will. Dann muss sich der Reporter an Bord (Miroslaw Baka) verschiedene Varianten für Lillys Überbordgehen vorstellen und sich überflüssigerweise noch laut fragen: Haben Dich Deine Kameraden auf dem Gewissen? Wer hat Dir das angetan? Oder hast Du Dir das selbst angetan?