Martina Gedeck als Caroline in einer Szene aus dem Film „Herzjagen“. 
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WienFilme über herzkranke Menschen entwickeln sich fast zwangsläufig zu Dramen um Leben und Tod. Die Mittfünfzigerin Caroline (Martina Gedeck) leidet an einer „hochgradigen chronischen Herzinsuffizienz“, der Spezialist (Anton Noori) empfiehlt dringend eine Operation. 

Caroline hatte schon vor 20 Jahren ihren Beruf als Architektin aufgegeben und sich als Hausfrau in ihrem selbst entworfenen Haus am Wiener Stadtrand mit ihrem Gatten (Rainer Wöss) komfortabel eingerichtet. Sie weiß selbst: Das ist ein behütetes Leben wie „unterm Glassturz“. Doch sie schreckt vor dem Eingriff zunächst zurück; sie will sich nicht „aufschneiden lassen wie ein Stück Vieh“, wie sie mit einigem Pathos betont. Betont fröhlich dagegen klingt sie, als sie dann im Krankenhaus einer anderen Frau erklärt, sie würde morgen vielleicht sterben.

Dieser Film, eine Koproduktion von ORF und ARD, vertieft seine existenzielle Ausrichtung in eine unerwartete Richtung und hebt sich damit vom Krankenhaus-Serien-Einerlei ab. Denn die Operation am offenen Herzen verläuft absolut glatt – doch Caroline wehrt sich gegen ihr künftiges, aktiveres und intensiveres Leben. Das ist bis zu einem gewissen Grad sogar nachvollziehbar. Trotzdem will sich hier keine echte Empathie einstellen. Denn Caroline benimmt sich wie eine trotzige Teenagerin: Sie versteckt das Schnitzel der Schwiegermutter unterm Sofa, schminkt sich grell, singt im Nachthemd mit einer Straßenmusikerin und stellt immer aggressiver ihrem Herzchirurgen nach. Denn der Arzt habe ja schließlich ihr Herz berührt – im wahrsten Sinne des Wortes.

Nicht nur hier fällt allzu deutlich auf, dass der Film von Elisabeth Scharang auf einer literarischen Vorlage beruht, der „Herznovelle“ (2011) von Julya Rabinowich. Die semiotischen Feinheiten, wie etwa die Doppelbedeutung von „berühren“, lassen die Verfilmung etwas künstlich wirken. Auch die Traumbilder, in denen sich Caroline als abgekapselte Astronautin mitten in Wien sieht, bleiben Fremdkörper. Die Hauptdarstellerin Martina Gedeck, die ihr Spiel selbst als „Phrasierungen von Ohnmacht“ beschreibt, darf ihr Können hier regelrecht ausstellen – doch gerade das macht die Figur nicht unbedingt sympathischer.

Im Grunde hätte aus „Herzjagen“ sogar eine Tragikomödie werden können. Denn wie die Umwelt auf die immer absurderen Ausbrüche von Caroline reagiert, besitzt einiges komisches Potential. So beklagt sich der Ehemann beim Chirurgen, seine Frau weiche ihm immer mehr aus – während der Arzt ja von ihr verfolgt wird. Doch das Drama überwiegt – durch die zweite Frauenfigur, die Krankenhaus-Psychiaterin (Ruth Brauer-Kvam), die Carolines Probleme erkennt und ihr helfen will, aber selbst schwer krank ist. Mit dieser Frau bekommt der Zuschauer sogar eine Identifikationsfigur. Die Begegnung mit der Psychiaterin verschafft Caroline schließlich ein kathartisches Erlebnis - und eine Heilung, die man so schnell gar nicht glauben kann.

Herzjagen – Mi, 17.6., 20.15, ARD