Eine Stunde ist im Zeitalter von WhatsApp, Snapchat und Facebook eine kleine Ewigkeit. Dennoch dauerte es am Montagabend fast 75 Minuten, bis nach der ersten Meldung über einen Unfall am Berliner Breitscheidplatz der gut gelaunte Kai Pflaume vom ARD-Bildschirm verschwand und sein „Unvorstellbares Wissensquiz“ durch eine Sondersendung der „Tagesthemen“ abgelöst wurde. Da war es 21.15 Uhr. Das ZDF ließ sein Programm sogar ungekürzt bis 21.45 Uhr durchlaufen, um dann wie geplant das „heute journal“ zu senden.

Das Bedürfnis, möglichst schnell möglichst viel über ein so unfassbares Ereignis wie die Todesfahrt des Sattelschleppers in den Berliner Weihnachtsmarkt zu erfahren, ist menschlich. Es beißt sich jedoch regelmäßig mit der anfangs dürftigen und unübersichtlichen Nachrichtenlage. Solange nicht klar ist, was passiert ist, fällt eine seriöse Berichterstattung schwer. Auch Live-Schalten zum Ereignisort helfen da nicht weiter. Sie zeigen höchstens, wie die Reporter minutenlang im Kreis rennen und das Fernsehen auf hohen Touren leer läuft.

Berliner Polizei twittert schnell und präzise

„Haben Sie schon neue Informationen?“, wird dann der Reporter vor Ort gefragt, obwohl die entscheidenden Nachrichten von Polizei und Staatsanwaltschaft natürlich nicht auf der Straße verteilt werden. So war es auch am Montagabend: Am meisten wussten Zuschauer, die auf dem Smartphone dem Twitter-Kanal der Berliner Polizei folgten. Dort informierten die Beamten schnell und präzise. Erst mit Verzögerung meldeten die Reporter denselben Tatbestand.

Unfall oder Anschlag? Terrorangriff oder Amokfahrt? Das alles war zunächst völlig unklar. ARD und ZDF entschlossen sich in dieser Situation, erst einmal abzuwarten. Das kann man kritisieren. Doch ein Bild vom Tatort ist kein Wert an sich. Das bewies der Privatsender N24, der mit der Kamera abgedeckte Opfer heranzoomte und ansonsten viele hohle Phrasen verbreitete. ARD und ZDF ließen dagegen nach der Erfahrung mit dem Münchner Amoklauf besondere Vorsicht walten.

Auch diese Zurückhaltung provozierte viele Zuschauer, die ihrer Verärgerung in den sozialen Netzwerken freien Lauf ließen. Wie begründet gleichwohl diese Vorsicht ist, erwies sich am Dienstagnachmittag. Bis dahin schien klar, dass der Täter gefasst sei. „Wir müssen uns mit dem Gedanken vertraut machen, dass der festgenommene Pakistani eventuell nicht der Täter ist“, räumte dann Generalbundesanwalt Peter Frank ein.