Ariana Grande (Archivbild)
Foto: Chris Pizzello/Invision/AP

BerlinViele sehr junge Frauen, aber auch einige junge Männer (und, laut Schwarminformation vor Ort, Lena Meyer Landrut!) hatten sich am Donnerstagabend in der Mehrzweckhalle am Ostbahnhof eingefunden, um ihre Wertschätzung der 26jährigen U.S.-amerikanischen Sängerin und Schauspielerin Ariana Grande zum Ausdruck zu bringen; wie der Leserschaft gewiss bekannt, zählt Grande zu den größten Popstars unserer Zeit, und entsprechend hohe Dezibelwerte erreichte die Publikumsreaktion: das bislang einzige Konzert des Jahres, bei dem noch fokussierter gekreischt wurde, gab im Januar die damals ganz kurz vor dem riesigen Durchbruch stehende Billie Eilish im Kesselhaus – wir berichteten.

Zwei riesige runde Himmelskörper

Die Begeisterung für Ariana Grande lässt sich unter anderem durch ihre Fähigkeit erklären, in ihren Liedern und Auftritten das mondäne Individuum mit Community-Werten zusammenzuführen, das Alltägliche mit dem Glitzernden - worin sie etwa der Pop-Großmutter Cher, über deren Konzert an gleicher Stelle wir vor einigen Wochen berichteten, durchaus ähnelt.

So ist ein zentraler Bestandteil des Bühnensets bei Grandes aktueller “Sweetener”-Tournee zwei riesige runde Himmelskörper, die mal als Sonne, mal als Mond, mal als Erde, mal als gleißender Ozean, mal als Kosmos beleuchtet werden können; darunter erschien Grande zu Beginn des Konzerts mitsamt ihrer Tänzerbelegschaft an einem Abendbrottisch sitzend aus der Bühnenversenkung und sang “God is a woman”. Im weiteren Verlauf des Konzerts ließ sich Grande, stets hochhackig bestiefelt, oft von ihrer Tänzergang auf einem großen, ovalen Laufsteg begleiten, innerhalb dessen übrigens besonders erwählte Fans standen.

Ariana Grande zeigt soziales Engagement

Grande verpackt zwar Konsumhaltung in Leben und Liebe in knackige R n B- Hits (Tinder-Pop!) – wie im früh gespielten “Break up with your girlfriend, I’m bored”, in der Shopping-Therapie-Hymne “7 Rings”, während derer ein riesiger Mond durch amerikanische Suburbia-Straßen zu fliegen schien, was an Bilder aus Lars von Triers Endzeit-Meditation “Melancholia” erinnerte, oder natürlich in der Zugabe, ihrem aktuellen Mega-Hit “Thank u, next”.

Gleichzeitig strahlt sie auch auf der Bühne das soziale Engagement aus, für das sie nicht erst seit ihrer Reaktion auf den Terroranschlag im Foyer einer Arena in Manchester bekannt ist, wo sich kurz nach einem ihrer Konzerte ein Jihadist in die Luft sprengte und 22 Mensch mit in den Tod riss: Grande brach ihre Tournee ab und organisierte in Manchester kurz darauf ein Benefizfestival für die Opfer des Anschlags.

Ohne zu predigen, sondern mithilfe selbstverständlicher Gesten, bringt Grande das Wesentliche zum Ausdruck: als sie, die sich zeit ihrer Karriere für LGTB-Rechte eingesetzt hat, mitsamt ihrer Truppe am Ende des Konzerts Regenbogenfahnen tragend über den Laufsteg lief, oder als sie gegen Anfang jedes Mitglied der Tanztruppe einzeln vorstellte und also die Gemeinschaft herausstellte, war die Begeisterung im Publikum besonders groß.

Doch sollte man bei allem, was Ariana Grande repräsentiert, nicht den handwerklichen Hauptinhalt ihrer Performance außer Acht lassen, nämlich das Singen! Auch im verlässlich metallenen Sound der Mehrzweckhalle beeindruckte ihr Oktavenumfang, und ihre Koloraturen im Stück “Sweetener” rissen die Fans zu besonders empathischem Kreischen hin.

Doch auch Brüchigeres kann ihre Stimme transportieren. Ein weiteres Highlight des Abends bestand in der Doo-Wop-Ballade “Tattooed Heart”, nicht zuletzt, weil sich hier ihr ansonsten ein wenig überenthusiastischer Tourschlagzeuger mal ausnahmsweise mit seinen häufigen Fills etwas zurückhielt. Sehr schön auch “Into you”, bei dem sie dem Objekt ihrer Begierde zuraunte, ihr Verhältnis müsse ein Geheimnis bleiben, während ihre Tänzergruppe in orangenen, an die BSR erinnernden Arbeitsanzügen, erschien.

Na gut, wahrscheinlich sollten es eher Sträflingsanzüge sein. Aber in jedem Fall wurde illustriert, wie der meist zum Scheitern verurteilte Ausbruchswunsch aus dem alltäglichen Selbst uns immer prägt. Das weiß Grande, und die Teenager im Auditorium wussten es wohl noch besser – sie kreischten, was das Zeug hielt.