Wie Zombies sitzen sie auf ihrem weißen Ledersofa, verstrickt in einen Dialog, den sie vermutlich täglich führen und der, noch während sie ihn führen, in seine eigene Wiederholung mündet: Der Makler Max Oleander und seine ehemalige Geliebte und aktuelle Schwiegermutter Madame Lapérouse. Und dann kommt die Gattin beziehungsweise Tochter hereingestürmt, Melusine: lebendig, aber überall versehrt und verbunden.

Sie ist in Sorge um den Park, den sie als Wohn- und Schlafstätte dem kalten Heim vorzieht: Er soll verkauft und bebaut werden. Die Naturmuhme Pythia, ihre Mutter im Geiste, stattet sie mit unheimlichen Verführungskräften aus, mit der sie Landvermesser, Arbeiter und Architekten ins Begehren und Verderben stürzen soll – aber das funktioniert nur, wenn sie sich selbst nicht verliebt.

Szenen einer Ehe

Yvan Golls Schauspiel „Melusine“ vermischt Mythologie, die Kompliziertheiten von Golls Ehe mit Claire und etwas Zeitkritik zu einer etwas wirren Boulevard-Tragödie – in ihr einen Opernstoff zu sehen, ist das Verdienst von Claus Henneberg, dem wichtigsten Librettisten der Bundesrepublik, der für Manfred Trojahn, Matthias Pintscher und natürlich für Aribert Reimann Operntexte schrieb. Reimann stand Hennebergs Bearbeitung der „Melusine“ zunächst skeptisch gegenüber: Die Stilmischung stellte ihn vor Schwierigkeiten; auch wurde ihm nicht recht deutlich, worum es eigentlich geht.

Die Uraufführung 1971 in Schwetzingen war einigermaßen erfolgreich. Den Durchbruch erzielte Reimann als Opernkomponist aber erst acht Jahre später mit dem ebenfalls von Henneberg geschriebenen „Lear“. Als die „Melusine“ mehr als 20 Jahre nach ihrer Entstehung in Heidelberg wieder gespielt wurde, entdeckte man in ihr eine „Öko-Oper“ – immerhin schien es um Naturzerstörung aus Profitgier zu gehen.

Darum geht es auch – aber die Aufführung des Werks, die die Universität der Künste Berlin am Donnerstag im UNI.T vorstellte, zeigte, dass sich am Ende doch alles um Menschen dreht, um Verführung, Begehren und Liebe. Wenn sich Melusine am Ende gegen die Regel verliebt – und auch noch ausgerechnet in den Erbauer des Schlosses, den Grafen Lusignan –, zeigt der Regisseur Frank Hilbrich das als einen Heilungsvorgang: Nach und nach befreit der Graf Melusine von ihren Verbänden. Eine schöne Idee für einen schönen Moment: Reimann schrieb hier eines der wenigen Liebesduette des modernen Musiktheaters, eine traumverlorene Musik, die Mann und Frau in einen entrückten Raum entlässt.

So zeigt die Inszenierung zwei Welten: die kalte, harte, standardisierte des Maklers und seiner Geschäftsfreunde und die chaotische, schmutzige, vermüllte von Melusine, Pythia und Melusines Vater Oger. Die Natur ist längst nicht mehr heil, sondern vom Lebensstil der anderen bereits weitgehend zerstört; Pythia ist eine zerzauste Obdachlose unter Plastikfolien. Es kann nicht darum gehen, Bestehendes zu retten, sondern Gefährdetes zu restaurieren. Der Graf, unterwegs wie ein leprakranker Pilger, ist da als Zerstörer und Geliebter eine zutiefst geheimnisvolle Figur.

Geheimnisvoll bleibt das Stück auch – aber dabei ist es überaus reizvoll. Wer Reimann hauptsächlich von den grauen, schweren Klangmauern des „Lear“ kennt, wird hier von einer beweglichen, transparenten und farbigen Musik überrascht, die das 33-köpfige Ensemble mal wie Kammermusik, mal wie einen großen Apparat klingen lässt. Und im Widerspruch zu Reimanns Fremdeln mit den „boulevardesken“ Szenen des Stücks wirken gerade die stilistischen Kontraste zum Koloratur-Pathos der Melusine-Partie oder dem auf „Lear“ weisenden mythologischen Dräuen der Pythia-Szenen besonders geglückt.

Trotz des reichen Kolorits der virtuos instrumentierten Partitur verfällt Reimann nie ins Illustrieren; die Textbilder mögen manchen Klang und manche Figur angeregt haben – erst durch eine gewisse Abstraktheit der stilistisch höchst konsequent geschriebenen Musik erlangt sie ihre expressive Verbindlichkeit und psychologische Eindringlichkeit.

Weit über Niveau

Das alles indes wird nur deswegen so deutlich, weil die Aufführung weit über dem Niveau einer Hochschulproduktion liegt. Hilbrichs Inszenierung ist schlüssig und dank der Bühne Lisa Käpplers und der Kostüme Lisa Mareike Poethkes bildstark. Errico Fresis dirigiert die Brandenburger Symphoniker so umsichtig wie klangsinnlich.

Nahezu unglaubliches vollbringt die Sopranistin Karola Sophia Schmid in der Titelpartie, deren absurd schwere, auf und ab gezackte Linien sie zu melodischem Ausdruck verinnerlicht – und dazu eine schauspielerische Beweglichkeit zeigt, die das Melos in Gesten übersetzt.

Fremd bleibt sie in dieser Welt: Der Tenor Seung Yeop Lee als Oleander und die Mezzosopranistin Ena Pnograc als Madame Lapérouse bringen einen geharnischten Humor auf die Bühne, bei dessen Trockenheit und Abgründigkeit einem das Lachen vergeht – Verständnis findet man bei diesen Typen nicht.

Aber auch die Mezzosopranistin Farrah El Dibany als Pythia bietet ihr keine Heimat, sondern manipuliert sie mit ihrer Traurigkeit und Aggression. Erst Jonas Böhm als Lusignan erscheint als Mitmensch: Sein ruhig deklamierender Bariton eröffnet ihr ein anderes Singen, eine andere Welt – und dennoch entziehen sich die beiden einander.