Amartya Sen
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BerlinKaum war der kleine Sen am 3. November 1933 in Shantiniketan, etwa 150 Kilometer nördlich von Kolkata geboren worden, wandte sich ein enger Freund der Familie, der Literaturnobelpreisträger von 1913, Rabindranath Tagore (1861–1941), an seine Mutter und erklärte ihr: „Kinder bekommen alle immer dieselben Namen. Ich finde, dein Sohn soll einen Namen haben ganz für sich, den niemand sonst hat. Ich habe ihn erfunden: Amartya.“ 

Der Name ist eine dichterische Umschrift des bengalischen Omorto, was – wir sind alle näher verwandt als wir glauben – der Unsterbliche heißt. Sein zweiter Vorname, Kumar, ist einer der häufigsten Hindi-Namen. Er bedeutet Sohn. Sen kommt aus jener bengalischen intellektuellen Oberschicht, die ganz wesentlich zum Aufschwung Indiens und zu seinem Befreiungskampf beigetragen hatte. Die im 19. Jahrhundert beginnende Bengalische Renaissance ist Teil jener multiplen Moderne, die wir erst langsam zu erkennen beginnen, seit wir nicht mehr der Idee anhängen, die Moderne sei auch global nichts anderes als die Ausbreitung ihrer europäischen Variante.

Amartya Sen, dieses späte Produkt der Bengalischen Renaissance, ist seit 1991 mit der 1948 geborenen ebenfalls in Harvard lehrenden Wirtschaftshistorikerin Emma Georgina Rothschild verheiratet. Ost und West können doch zusammenkommen. Der Krieg der Kulturen ist eine Erfindung derer, die die Kultur hassen.

In der Hungersnot von 1943 starben zwischen drei und fünf Millionen Bengalen. Churchill lehnte das Angebot der USA, Lebensmittel nach Bengalen zu liefern, ab. Lebensmittelvorräte aus anderen indischen Staaten wurden nach Großbritannien und an die Nazideutschland bekämpfenden Truppen geschickt. Churchill erklärte: „Ich hasse Inder, […] sie sind ein tierisches Volk mit einer tierischen Religion.“ Die Hungersnot sei ihre eigene schuld und eine Folge davon, dass sie sich „wie die Karnickel vermehren“. In dieser Welt wuchs Amartya Sen auf. Hunger und Rassismus. Damals lernte er, wie beide einander nähren.

Es gibt einen Grundsatzstreit in der Wirtschaftspolitik: Muss man das Wachstum fördern, um für Gerechtigkeit zu sorgen – oder fördert die Gerechtigkeit das Wachstum. Amartya Sen ist einer der bedeutendsten Vertreter der Auffassung: Ohne eine gesunde, gut ausgebildete Bevölkerung ist ein kontinuierliches Wirtschaftswachstum unmöglich. Armut ist schlecht fürs Geschäft. Nicht für die Geschäfte der Geschäftemacher – die sind angewiesen auf eine arme, schlecht informierte Bevölkerung –, sondern für das Geschäft der Gesellschaft, für deren Wachstum und Wohlergehen.

Das ist nicht nur eine humanitäre Philosophie, das ist eine in vielen Untersuchungen belegte Tatsache. Als seine Studenten sich weigerten, die Seminarräume zu verlassen, um von Dorf zu Dorf durch Bengalen zu ziehen, Babys zu wiegen und herauszubekommen, ob Jungen und Mädchen gleich behandelt wurden, da setzte sich der Herr Professor auf ein Fahrrad und betrieb die Feldforschung erst einmal selbst und allein. Ihm genügte nicht der Verdacht, nicht die Überzeugung, noch nicht einmal das Wissen darum, dass Jungen von Anfang an gegenüber Mädchen bevorzugt werden. Er brauchte Zahlen. Und die beschaffte er sich. Das ist Amartya Sen.

Aber das wäre nicht der ganze, wäre da nicht noch die Ehrfurcht gebietende akademische Laufbahn: Professor für Wirtschaftswissenschaften an der Jadavpur-Universität in Kolkata, Trinity College in Cambridge, MIT in den USA, Delhi School of Economics, London School of Economics, Oxford University, Harvard und Trinity College in Cambridge. Das ist noch nicht alles. Etablierter als Sen, ein scharfer Kritiker der etablierten Wirtschaftswissenschaften, kann man nicht sein. Über einhundert Ehrendoktortitel soll er haben. Und, beinahe hätte ich es vergessen: 1998 den Alfred-Nobel-Gedächtnispreis für Wirtschaftswissenschaften.

Sen hat sich auch mit indischer Geschichte und Philosophie beschäftigt und darüber Bücher veröffentlicht. Indien, daran erinnert er in einem davon, ist nicht nur die Heimat von Metaphysik und Spiritualität, sondern zur großen Freude des bekennenden Atheisten verfügt es auch über eine große philosophische Tradition des Materialismus.

Der Börsenverein des Deutschen Buchhandels begründet die Wahl des diesjährigen Preisträgers so: „Wir ehren mit Amartya Sen einen Philosophen, der sich als Vordenker seit Jahrzehnten mit Fragen der globalen Gerechtigkeit auseinandersetzt und dessen Arbeiten zur Bekämpfung sozialer Ungleichheit in Bezug auf Bildung und Gesundheit heute so relevant sind wie nie zuvor. Gesellschaftlichen Wohlstand nicht allein am Wirtschaftswachstum zu messen, sondern immer auch an den Entwicklungsmöglichkeiten gerade für die Schwächsten, gehört dabei zu seinen wichtigsten Forderungen. Amartya Sen hebt Solidarität und Verhandlungsbereitschaft als essenzielle demokratische Tugenden hervor und beweist, dass Kulturen keine Quelle des Streits um Identitäten sein müssen. In eindringlichen Darstellungen zeigt er, wie Armut, Hunger und Krankheit mit fehlenden freiheitlichen Strukturen zusammenhängen. Mit dem ‚Human Development Index‘, dem ‚Capabilities Approach‘ und den ‚Missing Women‘ hat er früh Konzepte vorgelegt, die bis heute hohe Maßstäbe für die Ermöglichung, Gewährleistung und Bewertung gleicher Chancen und menschenwürdiger Lebensbedingungen setzen. Sein inspirierendes Werk ist Aufruf dazu, eine Kultur politischer Entscheidungen zu fördern, die von der Verantwortung für andere getragen ist und niemandem das Recht auf Mitsprache und Selbstbestimmung verwehrt.“

Dem ist nicht viel hinzuzufügen. Vielleicht doch noch die letzten Sätze seines im Verlag C. H. Beck auf Deutsch erschienenen Buches: „Die Idee der Gerechtigkeit“: „Als Hobbes von dem hoffnungslosen Zustand sprach, dass das menschliche Leben ‚ekelhaft, tierisch und kurz‘ ist, wies er im selben Satz auch auf das verstörende Unglück hin, dass dieses Leben ‚einsam‘ sei. Die Rettung aus der Einsamkeit mag nicht nur wichtig für die Qualität des menschlichen Lebens sein, sie kann auch erheblich dazu beitragen, dass die anderen Entbehrungen, unter denen Menschen leiden, verstanden und beachtet werden. Hier besteht sicherlich eine elementare Kraft, die komplementär zu dem Engagement für Theorien der Gerechtigkeit ist.“ Aus der Einsamkeit hilft nicht die Suche nach Menschen, die einem gleich sind. Das führt in die Identitätsfalle. Aus der Einsamkeit befreit man sich durch das Zugehen auf die, die anders sind. Nur so kommt man aus sich heraus. Aus der Einsamkeit des eigenen Ich, die nicht zerstört werden kann durch ein eigenes Wir.

Dass der Börsenverein Amartya Sen ehrt, ehrt ihn. Mit Amartya Sen wird nicht nur eine Theorie, eine Praxis, werden nicht nur Gedanken und Taten, sondern wird auch ein Leben ausgezeichnet, das hervorgegangen ist aus der Bengalischen Renaissance, aus Bürger- und Religionskriegen, aus dem Status des Kolonisierten. Ein Leben, das zeigt, dass Weltbürgertum möglich ist. Ein Weltbürgertum, das einschreitet gegen die Ausbeutung von Mensch und Natur.