Ich bin süchtig nach Beirut. Bei meinem ersten Besuch, im Winter, fand ich die Stadt dreckig, laut, und – hinreißend krass. Müll neben Designer-Cafés, vom Krieg zerstörte Fassaden neben Hightech-Hochhäusern, äthiopische Dienstmädchen in Rüschenschürzen, bettelnde syrische Kinder, elegante Frauen. Alle sprechen drei Sprachen, wenn nicht vier, Arabisch, Englisch, Französisch und Armenisch. Die Freundlichkeit der Libanesen, die dir ihre Hilfe anbieten, bevor du weißt, dass du sie brauchst. Und jetzt, im Sommer! Azaleen, Blauregen, die Palmen im azurblauen Himmel, und das umwerfende Licht des Mittelmeers, das alles leuchten lässt. Auch wenn Syrien nur zwei Autostunden entfernt ist. Und nein, ich muss hier kein Kopftuch tragen.

Ich besuche Freunde im armenischen Viertel Bourj Hammoud. Die Straßenschilder sind dreisprachig. Vor hundert Jahren schlammiges Brachland, siedelten sich nach 1915 Tausende Armenier hier an, die sich vor dem Genozid aus der Südosttürkei retten konnten. Waisen und Witwen, die in Teppichfabriken oder mit der Sticknadel in der Hand ihr Geld verdienten; später junge Männer, die als Jungen der Todeskarawane entkamen, die irgendwo aufwuchsen, in Aleppo oder Ägypten.

Das Erbe der Armenier

Jede noch so geringfügige Arbeit nahmen sie an, bauten Baracken, bald Hütten, Kirchen, Schulen und Häuser. Sie gibt es immer noch in Bourj Hammoud, in dessen quirligen Straßen sich Handwerker für Schmuck, Leder und Metall neben billigen Klamottenläden drängen. Die Armenier wurden, von französischer Seite unterstützt, schnell eingebürgert; sie integrierten sich in eine christlich-muslimische Gesellschaft und hielten doch an ihrem kulturellen Erbe fest.

„Lange Zeit war die libanesische Gesellschaft extrem durchlässig, alle lebten mit allen“, erklärt mir Arpi, die ein Kulturzentrum leitet, in dem alte Handarbeitstechniken, in die Geschichte „eingewebt“ ist, an Jüngere weitergegeben werden – „nicht rückwärtsgewandt, sondern um wissend Neues zu erfinden!“ Es gibt Konzerte und Ausstellungen und ein Restaurant, das mich mit seinen dunklen Möbeln und Spitzendeckchen an Osteuropa vor der Wende erinnert. Das Essen ist köstlich; wir trinken Arak, und ich lasse mir Familiengeschichte erzählen, von Marie und Noubar.

Marie ist 96, winzig und gebeugt, „aber fit in der Birne!“, wie ihre Tochter sagt; sie spricht Englisch mit mir, Noubar Französisch und manchmal auch Arabisch, was ich nicht verstehe und doch. Noubar ist 97, ein kleiner, zierlicher Mann, der manchmal vergisst, in welche Richtung die Toiletten liegen, sich aber umso besser erinnert – an seine Mutter Nazeli, die auf dem Todesmarsch der aus der Türkei vertriebenen Armenier 1915 ein Kind verlor und ihre Mutter zurücklassen musste, die ihr – und damit der ganzen Familie – den Auftrag erteilte: Du musst leben! „Nazeli“, sagt Noubar, „fand durch einen glücklichen Zufall ihren Mann in Aleppo wieder, und sie schwor, sich niemals im Leben zu beklagen.“ Sie sang und tanzte, und überhaupt wird in armenischen Familien gern gefeiert, sie lieben es zu essen, zu tanzen und zu lachen.