Symbolbild.
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BerlinWas das Digitale ist und wozu man es braucht, weiß heute jeder. Die Schwierigkeiten beginnen, sobald man eine Definition des Digitalen oder der Digitalisierung in wenige Sätze fassen soll. Die Allgegenwart digitaler Anwendungen hat denn auch mindestens zwei widerstreitende Lesarten hervorgebracht, die man mit einem Begriffspaar des Philosophen Umberto Eco als Auseinandersetzung zwischen Apokalyptikern und Integrierten beschreiben kann. Zur Befindlichkeit des Apokalyptikers gehört es, in der Digitalisierung lauter Gefahren zu sehen. Der Untergang der analogen Welt, die sogleich in romantischen Erinnerungen verklärt wird, ist darin bereits vollzogen. Wie ein Fangnetz hat sich die Digitalisierung über alle gesellschaftlichen Belange gelegt, das flinke Fische ebenso wenig entkommen lässt wie Algen und Plastikmüll. Der digitale Kapitalismus nimmt alles auf und kannibalisiert unterschiedslos Wirtschaft, Kultur und Privatsphäre. 

Der ewige Traum vom herrschaftsfreien Raum

Diejenigen, die sich angesichts der digitalen Wirklichkeit und Zukunft optimistisch um Anpassung bemühen, setzen auf die Chancen der neuen Techniken und Kommunikationsformen. Sie glauben fest daran, dass das Digitale eine Technik ist, die funktional, nützlich und kontrollierbar ist. Schon Bertolt Brecht träumte vom Radio als Distributionsapparat, der das Machtgefälle zwischen Sender und Empfänger aufhebt und eine neue Durchlässigkeit erzeugt, aus der herrschaftsfreie Verhältnisse hervorgehen. Jede neue Kommunikationstechnologie weckt die Hoffnung auf eine bessere Welt.

Desillusionierende Gefühle aber haben inzwischen auch die anwendungsversessenen Pioniere der digitalen Gesellschaft erfasst. Berühmt geworden ist in diesem Zusammenhang der Satz des Netzerklärers Sascha Lobo: „Das Internet ist kaputt.“ Die Hoffnung auf Demokratisierungseffekte aus der Riesenmaschine jedenfalls ist dahin. Jeder ist digital und wird es bleiben, aber das Internet bleibt doch auch das große Unverstandene, das offen ist für Missbrauch alle Art – schütze sich, wer kann.

Armin Nassehi geht an die Anfänge der Digitalisierung zurück

Der Münchner Soziologe Armin Nassehi will noch einmal zurück auf Anfang, zumindest theoretisch. Das einfache Gegensatzpaar überzeugt ihn nicht, und die Anfänge der Digitalisierung setzt er zeitlich viel früher an als das Aufkommen der ersten elektronischen Rechenmaschinen, die bald zu smarten Alleskönnern wurden. Für ihn ist die Digitalisierung weniger das Ergebnis einer sich durchsetzenden technischen Entwicklung, sondern vielmehr eine technische Antwort auf Fragen, die sich zu Beginn der Moderne mit ihrer steigenden Komplexität stellten.

Armin Nassehi 2019 in der ARD-Talkshow "Hart aber fair" im WDR.
Foto: C. Hardt/Future Image

Die Erhebung von Daten ist älter als die elektronische Datenverarbeitung. Sie hat, zunächst mit Stift und Liste, Machtverhältnisse neu konstituiert. Zählen, Sammeln und die Kombination und Rekombination von Daten haben dynamische Gesellschaften – oder „heiße“ im Sinne von Claude Lévi-Strauss – überhaupt erst hervorgebracht. Das Internet ist laut Nassehi die Antwort auf ein lange virulentes Bedürfnis, das er als Mustererkennung beschreibt. „Die Moderne ist nicht das Ende einer Ordnung, sie generiert Ordnungen in nie dagewesener Form und entdeckt deshalb das Problem der Selbstkontrolle gesellschaftlicher Praxis, die sich zuvor in erheblich einfacheren, hierarchischeren, direkteren und sanktionsnäheren Formen strukturierte.“

Der Radfahrer sieht den Horizont gerade, obwohl sein Kopf wackelt

Die große Verführungskraft der Digitalisierung besteht demnach darin, dass sie in brutaler Einfachheit funktioniert. Sie gleicht darin der menschlichen Wahrnehmung. Der Radfahrer sieht den Horizont deutlich und klar vor sich, obwohl er den Kopf wegen der Unebenheiten des Kopfsteinpflasters nicht geradehalten kann. Was funktioniert, muss nicht begründbar sein, auf Konsens vermag Technik weitgehend zu verzichten. Die unmittelbare Evidenz der digitalen Technik macht es so schwer, sich bei all den Aktivitäten im Netz die Datenunsicherheit bewusst zu machen.

Diese hier nur sehr gerafft zusammengefassten Gedanken führt Armin Nassehi mit einigem theoretischen Aufwand aus. Wichtige Hinweise zieht er aus Heideggers Technikverständnis, demzufolge das Wesen der Technik ganz und gar nichts Technisches sei. Ernst Cassirer, Niklas Luhmann und Michel Foucault sind mit ihren Systementwürfen die Masterminds dieser Theorie des Digitalen, die vor allem auf unheroische Entzauberung setzt.

All die immer wieder gegen die Digitalisierung ins Feld geführten Argumente in Bezug auf Datenmissbrauch und eine generell bedrohte Privatsphäre versucht Nassehi deshalb gar nicht erst zu entkräften. Mit Foucault verweist er darauf, dass es seit jeher illusionär war, von einer geschützten Privatheit auszugehen. Die Freiheit des bürgerlichen Subjekts ist erst entstanden, nachdem es in der Lage war, sich selbst zu regieren. Es sei frei, so paraphrasiert Nassehi Foucault, zu tun, was es will, soll aber wollen, was es soll.

Nur los wird man die Netzwerkstruktur des Internets nicht mehr.

Armin Nassehi

Aus der Perspektive von Foucaults Regimen der Kontrolle und Selbstkontrolle ist Freiheit keine Pathosformel. Ein erhöhter Regelungsbedarf in der vernetzten Welt steht für Nassehi außer Frage. „Nur los wird man die Netzwerk- und Matrixstruktur des Internets und seiner Big-Data-Möglichkeiten nicht mehr (…).“ Im Sinne von Ecos Begriffspaar ist Armin Nassehi ein abgekühlter Integrierter, der das Internet als Massenmedium zur Selbstbeobachtung der Gesellschaft versteht. „Hier erfährt die Gesellschaft mehr über sich, als sie es je zuvor konnte. Und hier erfährt sie zugleich weniger als je zuvor, weil die Rekombinationsmöglichkeiten und damit Variationsmöglichkeiten exponentiell steigen.“

Bei allen Möglichkeiten im besten aufklärerischen Sinn herrscht im Internet permanente Überhitzungsgefahr. Armin Nassehi versteht seine Theorie als Angebot und Chance für die Soziologie, die in Bezug auf die Digitalisierung geführten Kolonialisierungsdiskurse zu überwinden.

Armin Nassehi: Muster. Theorie der digitalen Gesellschaft. C.H. Beck, 352 Seiten, 26 Euro