Der grundsätzliche Denkfehler der neoliberalen Entwicklungshilfe aber ist, jeder Mensch könne sich als Unternehmer selbst aus der Armut befreien. Es ist nichts anderes als die Idee der Ich-AG, die selbst im reichen Deutschland grandios scheiterte. Laut dem Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung kommen nur 20 Prozent der staatlich geförderten Unternehmensgründungen in Deutschland halbwegs über die Runden. Ein Fünftel der Selbstständigen ist armutsgefährdet, neun Prozent sind arm.

Wie könnte so ein Konzept in einem bitterarmen Land funktionieren, wo jegliche Infrastruktur fehlt? Wie viele Näh- und Teestuben braucht ein Dorf? Wie viele Reisstände auf dem Markt können bestehen, ohne sich gegenseitig die Preise zu verderben? Woher sollen die Kunden kommen, wenn die Menschen so arm sind, dass sie hungern?

M.M. Akash, Wirtschaftswissenschaftler an der Universität Dhaka, schätzt, dass die Menschen 20 Prozent mehr verdienen müssten, um die Kredite bedienen zu können. Gleichzeitig müsse die arme Bevölkerung zwischen 40?und 60 Prozent ihres Einkommens für Lebensmittel ausgeben, sofern sie sich nicht Selbstversorger seien. In vielen Fällen scheitern die Menschen nicht nur mit ihrem Business; sie nehmen Kredite auf, um sich Essen oder medizinische Versorgung zu kaufen. Aminur Rahman sagt, dass 29?Prozent der Kredite für solche Zwecke aufgenommen würden. Als Rahman 2001 in das Dorf zurückkehrte, in dem in den neunziger Jahren geforscht hatte, fand er nur sechs von 120 Frauen, die Einkommen aus ihren gegründeten Unternehmen bezogen.

Keine Belege für Nutzen

Im August 2011 erschien der Report „What is the evidence of the impact of microfinance on the well-being of poor people?“ britischer Wissenschaftler um Maren Duvendack, finanziert unter anderem von der britischen Regierung. Die Wissenschaftler haben Daten aus Indien und Bangladesch analysiert und sämtliche Studien zum Erfolg der Mikrokredite untersucht. Ihr Ergebnis: Es gebe keine Belege dafür, dass Mikrokredite den Armen nützen.

„Wirtschaftswissenschaftler selbst greifen auf eine sehr eng gefasste Definition von Armut zurück, die in der Fachwelt bestimmend ist. Sie orientiert sich ausschließlich daran, ob Geld vorhanden ist oder nicht“, schreibt Klas. Die Arbeiten fußten fast immer auf finanztheoretischen Konzepten, bei denen der Tauschwert alles sei, der Gebrauchswert hingegen ignoriert werde.

Auch die Deutsche Bank, ABN Amro, Morgan Stanley, Citibank und Credit Suisse sind in das große Geschäft eingestiegen. Dass der Mikrokredit ein bedeutender Teil des kommerziellen Finanzmarktes ist, belegt auch, dass es für Mikrofinanzorganisationen Ratingagenturen gibt: die wichtigste ist Microfinance Information Exchange (MIX) in Washington. Sie bewertet die MFI am Volumen der Kredite und an den Rückzahlungsquoten – nicht an den sozialen Auswirkungen. Für MIX gehören MFI, die mehr als 30 Prozent Zinsen erheben und hohe Eigenkapitalrenditen erzielen, zu den profitabelsten Kreditinstituten.

Anu Muhammad nennt drei Hauptziele der Mikrofinanz: „Sie haben den Finanzmärkten gezeigt, dass die riesige Menge von Armen für das Kapital interessant ist. Regierungen und Instituten wie der Weltbank dienen sie als Beleg einer für sie funktionierenden Alternative zur Entwicklungshilfe. Und drittens haben Mikrokredite die Marktwirtschaft in die entlegensten Orte der Welt gebracht: Die Armen können konsumieren.“ Anders gesagt: Mikrokredite belegen, dass Kapitalismus auch für die Armen funktioniert.