Im Juni 2017 geriet im Londoner Stadtteil North Kensington ein 24-geschossiges Hochhaus in Brand, der Grenfell Tower. Ein kaputter Kühlschrank im vierten Stock war der Auslöser für das Feuer, das dann mehr als 24 Stunden lang loderte und bis zu 80 Menschen das Leben kostete. Möglicherweise war der Brand hinter der Fassadenverkleidung angefacht worden wie in einem Kamin.

Bewohner hatten schon seit 2012 auf mangelnde Brandschutzmaßnahmen hingewiesen, waren von den Behörden aber nicht gehört worden. Auf die nahe liegende Frage, warum nicht, antwortet der schottische Rapper, Schriftsteller und Sozialexperte Darren McGarvey in seinem Buch „Armutssafari“: Weil es die Bewohner des Grenfell Towers waren, die die Mängel berichteten. Leute aus der Unterschicht. Die, die ihr Leben nicht in den Griff kriegen. Die, die immer selbst das Problem sind, das sie haben. Die Armen. Die, denen geholfen werden muss. Von anderen.

Darren McGarvey war selbst verwahrlost und lange drogenabhängig

Darren McGarvey, ein Mann, der heute in seinen Dreißigern ist, wuchs in Pollok auf, einem Stadtteil von Glasgow, in dem man mit Arbeitslosigkeit, Alkoholismus und verwahrlosten Schulkindern Erfahrung hat. Seine drogensüchtige Mutter verließ die Familie, als er zehn war, sie starb wenige Jahre später. Er selbst ging durch mehrere Süchte und promovierte sich gleichzeitig zum Experten seiner eigenen Situation.

Als Unterschichtskind mit Neugier, analytischen Fähigkeiten und einer sprachlichen Begabung fiel er erst den Lehrern, dann den Medien auf und erzählte erst wieder und wieder seine eigene Geschichte, bevor er bemerkte, dass sich die Öffentlichkeit mehr für das   Problem als für die Ideen zu seiner Lösung interessierte. Ab da recherchierte er im eigenen Auftrag – in Gefängnissen, wo er Rap-Workshops gab oder in Jugendeinrichtungen, wo er hospitierte.

„Armutssafari“ ist ein Buch, das es eigentlich gar nicht geben dürfte, gemessen daran, dass Menschen aus den Vierteln, in denen die Brandschutzverordnungen peinlich genau eingehalten  werden, Menschen mit Ausbildungen und gut bezahlten Jobs, davon ausgehen, dass Leute, die auf staatliche Unterstützung angewiesen sind,  keine  Stimme und  keine Meinung haben – oder wenn,  dann bestimmt nicht die richtige. 

Tatsächlich hätte McGarvey diese Projektion auf sich und seinesgleichen selbst fast geglaubt.  Bücher faszinierten ihn als Kind, aber er ging nicht davon aus,  dass er  sie bewältigen könnte. Lange Zeit fiel ihm das Lesen längerer Passagen schwer. Und als Loki, der schottische Rapper,  textete und performte er zwar  schon in jungen Jahren.  Dass er sich aber zum Schreiben dieses  300-seitigen Buches aufgerafft hat, liegt vor allem daran, dass er wusste, dass man es braucht.

Von der "Armutsindustrie" für unmündig erklärt

Und man braucht es wirklich. McGarvey erklärt nicht nur, dass es tatsächlich eine Unterschicht gibt, auch wenn Leute aus der Mittelschicht  annehmen, jeder wäre so wie sie, nur vielleicht etwas ärmer. Sondern er erklärt auch, warum diese Unterschicht so wütend ist. Weil sie nämlich von jenen, die das betreiben, was er  die „Armutsindustrie“ nennt, für unmündig erklärt würden. Künste, Medien, Wohltätigkeitsorganisationen und NGOs würden sich „wie eine Kolonialmacht verhalten; ärmere Gemeinden werden als primitive Kulturen gesehen, die modernisiert, neu ausgerüstet und qualifiziert werden müssen“. Und während solche Sozialmaßnahmen liefen, die stets als Projekte angelegt seien, die von außen an eine Community herangetragen werden, sei jeweils nur eine Sache gesichert: der Job des Sozialarbeiters.

Im Prinzip hat McGarvey drei Botschaften. Erstens: Chancengleichheit ist praktisch eine Illusion. Zweitens: Sogenannte Sozialarbeit ist größtenteils eine Anmaßung, denn die Leute wissen selbst am besten, was sie brauchen. Und drittens: Jeder kann und muss sich selbst retten. Reißt euch zusammen, Leute! ruft er in die Viertel hinein. Glaubt nicht, was die Mittelschicht über euch sagt,  nehmt euer Leben selbst in die Hand! Wie es W.E.B. DuBois über das doppelte Bewusstsein der unterdrückten Schwarzen gesagt hat, dass nämlich deren eigenes Bild von sich von dem  überlagert werde, das ihre Unterdrücker von ihnen haben, so leiden McGarvey zufolge Angehörige der Unterschicht ganz wesentlich daran, dass ihnen nichts zugetraut wird – und richten sich selbst entsprechend zu. Ein Teufelskreis, der sich in der Wut ausdrückt, im Selbsthass, der nach außen projeziert wird.

„Armutssafari“ ist Brandbrief und Rezept zugleich. Leicht verständlich,  und sehr, sehr deutlich. Eine mit zahlreichen Praxisbeobachtungen und biografischen Erlebnissen erläuterte (vielleicht etwas längliche) Analyse, aus der geradezu naturgemäß eine Generalabrechnung mit der politischen Linken ersteht, in der er sozialisiert wurde. In ihrem Bemühen, finanziell Schwächeren Gutes zu tun, entmündige die Linke diese nicht nur permanent, sondern manifestiere auch die schlechten Verhältnisse  mit dem ständigen Verweis darauf, dass  nur ein Systemwechsel dauerhaft Verbesserung herbeiführen könne. Es sei Demagogie, schreibt McGarvey, Kapitalismus und Neoliberalismus zu verdammen und dabei nicht anzuerkennen, dass billige Fitness-Clubs und Informationen via Internet für viele Menschen mit geringem Einkommen durchaus Vorteile schaffen.

Darren McGarvey will weit über das Lagerdenken hinaus

Wobei dieses Buch umgekehrt auch nicht die Sache der Rechten verteidigt.   Zwar fordert McGarvey Respekt dafür, dass diejenigen, die sich als abgehängt empfinden, mit den Feinden ihrer Feinde sympathisieren, und dass sie dafür nicht  sofort wieder  abgemahnt werden dürfen.  Aber gleichzeitig will er über das Lagerdenken weit hinaus.  Auf keinen Fall dürfe das Recht auf positive Selbstdefinition Rechten überlassen werden. Er glaubt an ein authentisches Empowerment, das nicht auf den Rücken der noch Schwächeren ausgetragen wird. 

Die Ähnlichkeiten mit real existierenden Verhältnisse in anderen Ländern sind nicht zu ignorieren. McGarvey schreibt über Großbritannien, aber er trifft auch ins Herz der hiesigen Verhältnisse. Teilhabe  ist das Zauberwort. Die  „Armutsindustrie“ stoppen und nicht in Projekte, sondern in Infrastruktur investieren. Diejenigen, die ein Problem haben, auch mal als Experten für dessen Lösung ansehen. Loslassen also, Deutungshoheit abgeben. Ertragen lernen, dass andere Menschen andere Wege gehen. Und das Teilen von Privilegien nicht als Gnade, sondern als Zurückgeben von etwas zu betrachten, das den anderen zusteht. Das ihnen schon immer  genauso gehört hat wie einem selbst.