BerlinAuwei, da falle ich durch den blauen Himmel und kein Halt, nirgends! Die Erde gibt es hier gar nicht mehr, und die Plattform, auf der man eben noch stand, schwebt irgendwo oben – immerhin in Sichtweite! Im nächsten Augenblick steht man aber doch schon wieder darauf, nur hat der Boden sich verändert: Nebenan schnellt ein Block empor, zur anderen Seite klafft das nächste Loch. Wer keine VR-Brille hat und die virtuellen Möglichkeiten seiner PC-Tastatur nicht kennt, wird noch oft fallen und gegen Wände laufen in dieser neuen Welt. Viel interessanter ist aber auch, was um ihn herum geschieht und noch geschehen könnte.

Es ist kein gewöhnliches Geschicklichkeitsspiel, für das sich eine Handvoll Neugieriger an diesem Novemberabend in Gestalt skurriler Avatare in die virtuellen Räume der Onlineplattform VRChat begeben hat, sondern eine ambitionierte kleine Live-Exkursion, zu der der Theatermacher Arne Vogelgesang eingeladen hat. Er ist auf der Suche nach einer neuen Art Theater im virtuellen Raum, und die im VR-Himmel schwebende Plattform sollte in dieser Etappe der Ausgangspunkt sein für das gemeinsame Bauen an einem solchen ersten Entwurf eines im wahrsten Sinne des Wortes neuen, interaktiven Zukunftstheaters. Eines, das keine Corona-kontaminierten Aerosole und keine Schwerkraft kennt und nur den Grenzen der eingeschriebenen VR-Technik verpflichtet ist. Im Sog dieser Freiheit endete der erste Versuch vorerst im munteren Chaos.

Kein Beinbruch, denn das gemeinsame Forschen und Bauen an dem „Unreal Theater“, wie Vogelgesang das Projekt nennt, steht noch ganz am Anfang und wird in weiteren VR-Exkursionen fortgesetzt (zu verfolgen unter https://unreal.theater). Doch zeigte auch dieser Abend schon, dass „digitales Theater“ nicht einfach herbeigerufen werden kann und wie schwer die Kapazitäten des Virtuellen tatsächlich dramaturgisch zu nutzen sind, ohne in Reglements des analogen Alten zurückzufallen. Das bloße Streamen ist ja nur das eine. Mit dem eigenen, fremden Avatar-Körper selbst in neue Aggregatszustände vorzudringen und dort Teil eines Spiels zu werden, das ästhetisch wie sozial ganz andere Erfahrungen und Reflexionen möglich und nötig macht, ist noch etwas ganz anderes.

Auch für Vogelgesang ist das noch Neuland, obwohl der Gebrauch neuer Medien und des Internets als Text- und Bildlieferant seit gut 14 Jahren zum Grundpfeiler seines Recherchetheaters gehört. Unter den experimentellen Regisseuren ist Vogelgesang mit seinem Theaterlabel internil zweifellos der digital Versierteste – dadurch interessanterweise auch der am tiefsten in die analoge Realität Grabende. Genauer gesagt, in die Nischen der analogen Realität, denn seit 2014 beschäftigen ihn vor allem jene viralen Propaganda- und Selbstdarstellungsformen, mit denen sich radikale Bewegungen über das Internet groß zu machen verstehen: Menschen wie Anders Breivik, Apokalyptiker, Reichsbürger, Dschihadisten, Nationalisten, Verschwörer aller Couleur.

Vogelgesangs Vorgehensweise ist dabei so naheliegend wie schelmisch verschmitzt, denn durch das leicht medial verfremdete oder grafisch bearbeitete Nachsprechen oder Synchronisieren der radikalen Text- und Video-Postings auf der Bühne, lässt er die theatralisch überhitzten Rhetoriken und Manipulationseffekte quasi sich selbst leer reden.

Das hört sich einfach an, ist in seiner hybriden, amphibienhaften Doppelgestalt durch die Aufsplittung der Text- und Bildfunde zwischen verschiedenen Medien aber besonders komplex. Denn Vogelgesang und seine Crew – auf die Gruppe legt er großen Wert – schaffen es mit ihren subtil unterwanderten Mimikrymodellen erstaunlich gut, spielerische und verfremdende, theatral-analoge und digitale Techniken so zu verzahnen, dass Verführungs- und Analysecharakter des Internets wie des Theaters gleichermaßen zur Wirkung kommen.

Eindeutige Botschaften oder einfach nur billige Anklage des verwendeten politischen Materials liegen ihm fern. Dafür ist der Brecht-geschulte Absolvent des Wiener Max-Reinhardt-Seminars auch viel zu schlau. Vielmehr setzt er sich selbst und uns den Ambivalenzen des Netzes in geballter Verdichtung aus: seinen befreienden Selbstermächtigungsversuchen und zersetzenden Desinformationsfeuerwerken. All jenen rhetorischen Praktiken und ideologischen Punkten, in denen Rand und Mitte sich tatsächlich immer auch treffen, ja ineinanderfließen. Gerade das ist der große, befreiende Lerneffekt dieses Theaters.

Am schönsten erlebt man das in seiner jüngsten Performance „Es ist zu spät“, die an diesem Freitag live aus dem Theaterdiscounter zur Eröffnung des Monologfestivals gestreamt wird. Als bärtiger Weltverbesserer hält Vogelgesang dort selbst eine so politische wie selbstreflexive Aufklärungsrede, die unversehens in den Sog von Halbwahrheiten und radikalen Ausstiegsfantasien rutscht. Es wird so auch eine schillernde Wutrede über das Theater selbst und die dort verbreitete Revolutionsromantik, die fortwährend nach Erneuerung ruft und doch immer weitermacht wie bisher.

Nicht so Vogelgesang, der seine Recherchen zum rhetorischen Theater des Radikalismus nun gegen die Suche nach neuen VR-Theaterformen eintauscht. Gegenwärtig, sagt er, überbieten die radikalen Bewegungen einander nur noch mit schierer Masse an Postings. Formal ist da von der Satire bis zur Ode alles ausgereizt. Recherchetheater aber hat immer auch mit Bildung zu tun, sagt er ganz brechtisch, und die müsse zuerst auch ihm selbst Neues bringen. Vielleicht entsteht am Ende dieses Neuen nun ein virtuelles Lehrtheater, in dem Denken und Tun im kreativen VR-Spieler lustvoll zusammenfallen. Wir sind gespannt.

Es ist zu spät, Arne Vogelgesang, live im Theaterdiscounter, 6.10., 20 Uhr